Eine Schreibübung

Liebe LeserInnen,

in der letzten Zeit war ich oft kreativ, nur habe ich keine Texte veröffentlicht. Am heutigen Tag möchte ich ein Lebenszeichen von mir geben, und eine Schreibübung mit euch teilen, die mir die Augen geöffnet hat:

Der Verlag sitzt mir wie eine mit dem Schnabel hackende Krähe im Nacken, aber ich muss zum Glück nur noch das Ende meines Romans schreiben. Nach einigen Seiten, bei denen ich meine Tastatur malträtiert habe, lege ich das Papier in den Drucker. Gleich würde das Ende durch den Auswurfschacht flattern, und ich habe meine Arbeit vollbracht. Der Verlag wird zufrieden sein. Grinsend reibe ich mir die Hände.

Der Drucker spuckt das Blatt aus und ich schicke mich an, das Ende zu begutachten. Ein Ende, dass ich wie den ganzen Roman im Voraus geplant habe.

Wahre Fleißarbeit.

Ich drehe das Papier in meinen Händen. Irgendetwas stimmt nicht, und ich beginne zu lesen.

»Langweilig. das wirkt durchgeplant wie ein Betriebsausflug, und genauso langweilig. Als Leser will man unterhalten werden, aus dem durchgeplanten Alltag in eine Welt entführt werden, in der es verrückt und unvorhersehbar zugeht. Fang noch mal von vorne an zu schreiben. Und schreibe diesmal mit dem Blut deines Herzens.

Das hier … ist bestenfalls konstruiertes Material. Entführe die Leser in eine Welt, in der die Grenzen zur Realität verschwimmen. Selbst, wenn das, was du schreibst, in einer realen Welt spielt. So was gelingt dir nicht am Reißbrett.«

Ich starre regungslos auf das Blatt, dann auf meinen Bildschirm. Das habe ich doch unmöglich gerade geschrieben.

Das Romanmanuskript, alle geschriebenen Seiten sind leer.

Irgendetwas hatte es gelöscht.

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian

Neue Szene …

Liebe Leserfeundinnen und Lesefreunde,

In meiner Sammlung befindet sich ein Buch, das ich mal bis zur Hälfte gelesen habe und dann nicht wieder angerührt habe? Warum? Ehrlich gesagt kann ich das nicht sagen. Es ist ein herausragendes Buch. Vielleicht hat jedes Buch seine Zeit, und die Zeit dieses Werks ist noch nicht gekommen, aber ich verspürte den Wunsch, eine Perle herauszupicken und euch zu schenken. Es handelt sich um »Nachtzug nach Lissabon« von Pascal Mercier. Ich möchte euch einen Gedanken, einen Samen schicken, der in jedem, der Interesse hat, weiterwachsen kann. Gefällt er euch nicht? Nun, dann dürft ihr ihn entsorgen.

Nach ungefähr 17 Versuchen, per Zufall auf eine besondere Perle zu stoßen, fand ich etwas Besonderes, das mich ansprach, und das ich mit euch teilen möchte:

»… Ist nicht jeder Anblick eines Anderen und jeder Blickwechsel doch wie die gespenstisch kurze Begegnung von Blicken zwischen Reisenden, die aneinander vorbeigleiten, betäubt von der unmenschlichen Geschwindigkeit und der Faust des Luftdrucks, die alles zum Erzittern und Klirren bringt? … Ist es nicht in Wahrheit so, dass nicht die Menschen sich begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen?«(«Nachtzug nach Lissabon«, S. 116)

Das waren die Worte von Prado, eines portugiesischen Schriftstellers, einer imaginären Figur aus »Nachtzug nach Lissabon«.

Was ist die Quintessenz? Ich werde über die Worte in den nächsten Tagen nachdenken und einen Spiegel mitnehmen, wenn ich spazieren gehe. Warum? Weil ich mich vergewissern möchte, dass mein Schatten59| nicht alleine läuft und ich ihn begleite. Ich möchte mehr sein als einen Schatten sein, wenn ich die Prüfungen dieses Lebens angehe. Hm, vielleicht könnte ich jetzt mit dem Verkauf von Spiegeln im Webshop satte Gewinne einfahren. Aber nein, das Erkennen des Ichs, des eigenen Wesens kann, so glaube ich, kann man nicht durch den Kauf eines Accessoirs bewerkstelligen.

Bis bald!

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian