Himmelswunder

Liebe Welt,

heute berichte ich dir von einem Wunder:

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Der Liegestuhlnachmittag im Garten besitzt einen Schönheitsfehler. In rein musikalischer Form.

Trübe Wolken steigen in mir auf. Das rhythmische In-die-Hände-Klatschen eines Nachbarn dringt an meine Ohren. Im Takt zu Schlagermusik, die ihn, wie es scheint, in eine andere Welt gebeamt hat.

Die Beats erschweren mir die Verbindung zur Natur.

Ich versuche mich im Lesen einer Biografie, nach weiteren Minuten Ballermann-Musik entfleucht meinem Mund ein missmutiger Seufzer, und ich stopfe mir Stöpsel ins Ohr, um der Ich-find-Schlager-toll-Luftraumbeschallung Einhalt zu gebieten. Mit dem neuen Album von DJ Paul Kalkbrenner.

Der klare Himmel schenkt mir das Gefühl der Unendlichkeit.

Tief atme ich dreimal durch und entspanne mich. Die sanften Technobeats übertünchen nicht nur den Krach des Typen von nebenan, sie verbreiten in mir sogar eine chillige Stimmung.

Es gelingt mir, Zugang zu Lektüre zu finden.

Geschafft, auf ins Leseabenteuer.

Überfallartig landen Tropfen auf meiner Stirn. Fassungslos starre ich in den Himmel, verenge die Augen, aber ich vermag keine Gebilde von weißen Dinosauriern, Meerjungfrauen oder Piratenschiffen zu erkennen.

Die winzigen Kleckse in der Himmeldecke erinnern eher an Schaumkronen als an eine Wolkenbruchgefahr.

Ein weiterer Schwall des kühlen Nasses plätschert auf mein Gesicht.

Ich erstarre. Das ist unmöglich. Mein Blick wandert noch mal zum Himmel. Nichts zu sehen von regenfähigen Wolken. Um eine Erklärung ringend widme ich mich den Fenstern. Geschlossen. Das war definitiv kein Nachbar.

So langsam fühle ich mich, als sei ich Entdecker eines unerklärlichen Himmelswunders. Der Regen, der aus dem Nichts über mich kommt.

Misstrauisch lass ich meinen Blick die Häuserwand hochgleiten.

Ich entdecke den Übeltäter:

Eine Amsel, die sich in der Regenrinne austobt wie ein Kind in einem Planschbecken und ihr Federkleid schüttelt, jedes Mal Wasser in meine Richtung befördernd.

Also doch ein Wunder des Himmels. Netter Zaubertrick, lieber Gott!

Wenn ich mir allerdings die Wandziegel näher betrachte, habe ich verdammt viel Glück gehabt, denn die Vogelkacke, die daran heftet, hätte auch mich treffen können.

Lest, schreibt und träumt schön!

Euer Sebastian