Achtsamkeit

Heute Mittag fühlte ich mich, als hätte ich ein Haus kaufen wollen und mich dann doch für eine Architektursoftware entschieden. Mit der Besonderheit, dass die Architektursoftware teurer als das Haus war.

Nein, liebe Leserinnen und Leser, ich bin nicht in die Immobilienbranche gewechselt.

Ich habe mich heute Morgen auf den Weg gemacht, einen Gutschein einzulösen und in einer kleinen Buchhandlung ein Buch zu kaufen.

Ursprünglich wollte ich nicht mehr als die 10 Euro des Gutscheins einsetzen.

Auf dem Weg zum Geschäft schob ich einige Gedanken wie Möbelstücke im Kopf hin und her. Fiktionale Literatur füllt in ausreichender Menge mein Bücherregal, also beschloss ich meinen Fokus auf Sachbücher zu lenken.

Ich verbrachte eine Stunde damit, in Werken über Achtsamkeitsmeditationen (ein Buch zu diesem Thema habe ich zu Hause angelesen) und diversen anderen Büchern zu psychologischen Themen zu stöbern. Zu den Sparten habe ich noch genug Lesestoff, dachte ich, und sah mich weiter um.

Ein freundlicher Mitarbeiter fragte mich, ob er mir behilflich sein könne. Ich kann mir vorstellen, dass er irritiert war, nachdem er mich gedankenverloren beim Durchblättern von Büchern beobachtet hatte.

An sich kein ungewöhnlicher Vorgang. Wäre da nicht die Tatsache, dass ich die gleichen Bücher ratlos immer wieder in die Hände genommen hatte.

Unverhofft geriet mir das Buch des Trägers für den Nobelpreis für Wirtschaft zwischen die Finger. Darin las ich etwa 15 Minuten. Es war ein Wälzer mit mindestens 500 Seiten und kostete genau 10 Euro.

Ich erinnere mich noch an eine Passage, in der vom Unterschied von Kosten und Verlust berichtet wurde.

Variante 1: Ein Los kostet 5 Euro und man erhält die Chance auf einen Gewinn.

Variante 2: Das Los ist kostenlos, dafür muss man 5 Euro zahlen, wenn man kein Losglück hat.

Beide Möglichkeiten laufen bei einer Losniete auf exakt das Gleiche hinaus, aber psychologisch ist Variante 2 die schlechtere Wahl. Verluste bewerten wir negativer als Kosten. Ein Umstand, den die Werbeindustrie nutzt.

Auf mich wirkte dieses Beispiel erhellend, aber Zeit aufzuwenden, um ein Mammutbuch über Wirtschaftspsychologie zu lesen, waren mir die 10 Euro doch nicht wert.

Einige Minuten später schaute ich auf Aufstelltischen nach, überflog diverse Büchertitel und blieb bei einem Büchlein hängen.

Der Buchhändler hatte sich vielleicht schon ausgemalt, im Freundeskreis von einem verrückten Kunden zu erzählen, der in dem Geschäft stundenlang mehr km gelaufen war als alle Mitarbeiter zusammen bei der jährlichen Inventur.

Nein, diesen Gefallen habe ich ihm nicht getan.

Ich kaufte also folgendes Exemplar:

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»Jeden Tag ein Gedanke« ist ein nahezu unbeschriebenes Buch, für das ich nach Einlösen des Gutscheins noch fünf Euro oben drauf legte. Das Buch verfügte über Platz genug, fünf Jahre lang jeden Tag einen Gedanken einzutragen.

Ich dachte mir: In all den vielen Büchern wimmelt es von interessanten Informationen, aber da wir ohnehin mit Neuigkeiten überhäuft werden, schadet es nicht, wenn ich auf die eigene Wahrnehmung lausche. Beobachtungen und Schlussfolgerungen besitzen einen Wert — und wenn dieser nur für Gott und mich persönlich existiert. Es wäre interessant, einige Jahre meine wichtigsten Erkenntnisse zu notieren, um später mit einer Rückschau die Veränderungen von Schwerpunkten des Innenlebens zu registrieren.

Der Verkäufer hatte sich an der Kasse seriös verhalten, ich hatte den Eindruck, dass es ihn einige Mühe gekostet haben könnte, sich ein Grinsen zu verkneifen.

Seit ich das Buch in meinem Rucksack mit mir trug, tarierte ich die Gedanken aus. Während der Busfahrt überlegte ich, was der für mich bedeutendste Gedanke des heutigen Tages war. Dabei horchte ich in meine Gedankenwelt hinein. Ich hatte in meinem Kopf die Innenbeleuchtung eingeschaltet.

So ein Mist. Jetzt habe ich doch Geld für ein Buch über Achtsamkeit ausgegeben;-)

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