Blutmond

Liebe LeserInnen,

mit Freunden genoss ich gestern von einer Bank aus den Sonnenuntergang, dann suchten wir die Drachenfeldwiese auf, um den Blutmond zu bestaunen. Mehr als hundert Siegener kamen auf die gleiche Idee, viele von ihnen ausgestattet mit Teleskopen, Ferngläsern und hochauflösenden Kameras.

Mehr als eine halbe Stunde sondierten wir den Himmel. Unser ärgster Gegner war eine Wolkenwand, die uns zweifeln und hoffen ließ.

Kinder spielten nach der Abenddämmerung mit Hunden, Pärchen ließen sich auf Decken nieder und aus den Gruppen war ein angeregtes und andächtiges Murmeln zu hören.

Ich kann es nicht mit Sicherheit wissen, aber ich würde eine Suppe aus meinem Lieblingscafé (Die Suppen sind dort phänomenal gut) darauf wetten, dass sich auf der Wiese an dem Abend niemand gestritten hat.

Unter den achtsamen Besuchern machte sich eine leichte Unruhe breit, wenngleich niemand seine Beobachtungsplätze verließ. Der Mond blieb verborgen.

Es reichte mir. Ich musste meine Superkräfte einsetzen. Also ging ich einige Schritte vorwärts, konzentrierte mich, streckte meinen Arm aus und rief: »Wolken, weichet!«

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Eine Frau bedachte mich mit aufmerksamem Blick und sagte: »Schön wär´s.«

Es war offensichtlich: Sie zweifelte an meinem Geisteszustand. Natürlich wusste ich es besser. Meine Arbeit war getan. Ich durfte mich des Lebens freuen und alle Viere von mir strecken, um auf die Mondfinsternis zu warten. Es war nur eine Frage der Zeit.

(Für alle, die sich Sorgen machen: Ich glaube nicht, telekinetische Fähigkeiten zu besitzen. Ich weiß, dass ich über sie verfüge. Gerade konzentriere ich mich darauf, dass die Ketchupflasche nicht vom Tisch fällt, und tatsächlich: Sie steht immer noch da. Das ist passive Telekinese ;-)).

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Meine Einwirken auf die störenden Wolken ließ nur wenige Minuten auf sich warten.

Der Blutmond erschien, und mit ihm der Mars, der rechts unterhalb rot funkelte.

Leider waren die Wolken nicht unser einziger Feind. Immer wieder fuhren Autos eine Straße in der Nähe entlang, und ihre Lampen unterbrachen einige Male unsere Freude an dem Naturspektakel.

Leider waren unsere Handykameras nicht scharf genug, um das Schauspiel einzufangen. In meiner Erinnerung nimmt diese Nacht jedenfalls einen besonderen Platz ein.

Eine Sache noch: War es bei »Interstellar« nicht so, dass Energiewesen aus der Zukunft mit den Menschen Kontakt aufnahmen?

33|Der Film »Interstellar« war bei uns in der Nacht Gesprächsthema, sodass ich zu Hause zu diesem Filmsoundtrack einschlief. Morgens checkte ich die Fotos auf meinem Handy und entdeckte dieses Foto:

Manch einer könnte meinen, es sei etwas unscharf. Aber wenn man genau hinsieht, ist zu erkennen, dass meine Konturen in Energie gehüllt sind. Eine Verschmelzung meiner Person aus der Zukunft mit mir in der Gegenwart?

(Für den Fall, dass sich jemand Sorgen macht: Das Ich der Zukunft hat mir schon oft geholfen. Wir schreiben uns regelmäßig Briefe;-) Und: Keine Sorge: Die nächste totale Mondfinsternis mit mindestens 100 Minuten Dauer wird uns erst am 26. Juni 2029 verzaubern. Bis ein Energiewesen mich wieder vor der Linse verschwimmen lässt, wird es also noch ein wenig dauern. Vielleicht passiert das dann auch nicht mehr, weil ich mit Sport und Bewegung etwas an meiner Schärfe arbeiten möchte ;-))

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

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