Der verrückteste Schriftsteller der Welt

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Liebe Welt,

weißt du eigentlich, dass ich der verrückteste Schriftsteller der Welt bin?

Neuerdings gehe ich auf dem Friedhof spazieren und diktiere Romanszenen mit einer Spracherkennungssoftware auf. Wenn Besucher des Friedhofs meinen Weg kreuzen, schweige ich natürlich, weil ich sie beim Gedenken nicht stören möchte.

Meistens ist auf dem Friedhof kaum jemand unterwegs, ich muss nicht auf Straßenverkehr achten, tue was für meine Fitness, Vögel begleiten mich mit einem Konzert, ich fühle mich inspiriert und entspannt. Ich schade niemandem, trotzdem kratze ich mir gerade am Kopf, weil es schon irgendwie abgefahren ist, einen Roman bei Friedhofsspaziergängern zu verfassen.

Naja, nicht umsonst habe ich ein Sonnenwirbel!

Hier ein Auszug aus der jüngsten Szene, die bei einem meiner Spaziergänge reifte:

Ich hebe einen flachen Stein auf und lasse ihn über die ruhige Oberfläche des Bächleins flitschen. Jeanette war vier Jahre alt, als ich ihr das beibrachte. Ich kann mich noch gut an ihre staunenden Augen erinnern. An jenem Tag hielt mich meine Tochter für einen Zauberer, der grenzenlose Macht besaß. Der Bachlauf liegt versteckt hinter Brennnesseln und Rosmarinsträuchern, hinter meinem altem Zuhause. Einem kleinen Landhaus, in dem Möbel aus Eichenholz und rustikalen Querbalken für so eine heimelige Atmosphäre sorgten, dass sich die Härchen auf den Unterarmen aufrichteten, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam.

Hier an unserem kleinen Bächlein saßen wir oft zusammen und erzählten uns Geschichten, bis sich der Himmel färbte und die Bäume um uns herum in abendrotes Licht tauchte. Ich sitze auf dem gleichen Baumstamm, den ich vor Jahren in eine Bank verwandelt hatte. Hier verschmolzen wir zu einer Einheit, und jeder von uns hätte darauf gewettet, dass es nichts gab, was uns trennen könnte.

Ich fahre mir mit der Hand durchs Gesicht. Trotz der Rasur finde ich stoppelige Stellen. Immerhin habe ich mich nicht geschnitten, was ich bei Ferdinands billigen Einwegrasierer erwartet hätte. Schwerfällig erhebe ich mich, laufe auf den Hang zu, der das Haus von diesem idyllischen Ort trennt, schiebe Sträucher zu Seite, bis ich die Einfahrt erreicht habe.

Als ich vor der Haustür stehe, halte ich den Atem an. Ich denke darüber nach, mir irgendwelche Wörter zurechtzulegen, aber was sollte das bringen? Manchmal ist es besser, einfach zu machen. Ich streiche mir durchs Haar, als könne ich mit dieser Bewegung verhindern, das Elend in mir auszustrahlen, zu dem ich geworden bin.

Träumt, lest und schreibt schön!

Euer Sebastian

Abkühlung gefällig?

Tag 12: Abkühlung gefällig? Wie wäre es mit einem erfrischenden Zitat?

Vielleicht aus einer Dusch- oder Badeszene? Aus einer Schwimmszene oder einer Stelle in deinem Manuskript, an der deine Protagonisten ein kühles Bier genießen?

Liebe LeserInnen,

heute habe ich etwas gemogelt, denn die Duschszene, die ich mit euch teile, findet im Winter statt und dient nicht der Erfrischung. Ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich sie poste. Passt ja auch zum aktuellen Wetter. Man könnte zur Zeit beinhahe die Heizung einschalten.

Die Szene, aus der ich zitiere, ist aus Sicht Dianas geschildert, der weiblichen Protagonistin meines Romanprojektes:

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»Gedankenverloren gehe ich ins Bad und stelle mich unter die heiße Dusche. Ich habe das Gefühl, dass in meinem Herz ein Eisklotz liegt, der sich ausdehnt, um Adern wie Flussarme zufrieren zu lassen. Die Kälte kehrt jeden Tag zu mir Zurück. Als ich nackt auf die Straße lief und einbrach, gefror mehr als nur der Körper. Vielleicht besteht meine Lebensaufgabe darin, das Eis in mir regelmäßig aufzutauen, wie Ströme, die nach einem langen Winter vom Frühling zum Leben erweckt werden müssen. Wären da nur nicht die Wassermassen, die über die Ufer treten und mich überfordern.

Ich schüttele mich, denn ich will den Moment wahrnehmen, ohne an die Zukunft zu denken.

Als das lauwarme Wasser die empfindsame Hülle hinunter perlt, spüre ich, wie das Eis schmilzt und sich in Wärme verwandelt. Ich merke, wie warm das Blut durch den Körper rauscht. Unter der Haut kribbelt es behaglich. Mir kommt Silbermonds Lied »Leichtes Gepäck« in den Sinn. Ich summe es erst, dann beginne ich zu singen. Ich kenne es auswendig. »Du nimmst allen Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.«

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian

Aus meinem Romanprojekt

Immer schneller strömt die eisige Luft in meinen Körper. Eine Zeitlang vermag ich mich nicht zu bewegen. Gäbe es einen Stab, der meinen Körper von innen stabilisierte, wäre er entzweigebrochen.

All meine Träume, nach dem Knast ein neues Leben beginnen zu können, zerbersten wie poröse Äste, die von einer Windbö erfasst wurden. Ein Windstrudel kommt auf mich zu, und er schickt sich an, mich wie ein Ungeheuer zu verschlingen.

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Unveröffentlichter Schnipsel aus “Die Urlaubs-App”

Liebe LeserInnen,

die Urlaubs-App ist eine Novelle, die ich vor eineinhalb Jahren geschrieben habe. Die Idee für die Erzählung gefällt mir noch heute, aber je mehr ich das Manuskirpt überarbeitete, desto mehr zweifelte daran, dass die Story funktioniert.

Wer weiß, vielleicht bekommt »Die Urlaubs-App« eines Tages (nach meinem Roman) eine Generalüberholung und erblickt doch noch das Licht der Öffentlichkeit. 🙂

Es wäre schade, wenn die Novelle nie zu Lesern findet, nicht nur weil die Grundidee interessant ist, sondern auch, weil das professionelle Cover (Bilderquellen: Freepic) wirklich gelungen ist.

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Hier ein Schnipsel:

Thomas hatte Geralds Arbeit an Apps – nun ja – in der Vergangenheit etwas missbilligend betrachtet. Er hatte sich auch bei Familiengesprächen die eine oder andere spöttische Bemerkung über Geralds bisherige Versuche, Apps zu programmieren, vom Stapel gelassen. Vorausgegangen war allerdings auch, dass Gerald die zum Abbruch seines Studiums führenden Schwierigkeiten nicht zu würdigen gewusst und ihm mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, dass Programmierung logisch aufgebaut und einfach zu verstehen sei. Eines Tages, als Gerald ihm diese Erkenntnis offenbart hatte, fügte dieser hinzu:

»Na ja, das logische Denken fällt einigen Menschen leicht … andere haben Probleme damit.«

Dabei schaute Gerald nach oben, als würden lauter gescheiterte Studienabbrecher unter der Decke hängen, er hätte aber ebenso gut die Nasenspitze an seine pressen und ihm vernichtend in die Augen starren können. Thomas hatte bei seinem Informatikstudium versagt und hielt sich seitdem von allen programmierenden Tätigkeiten – außer der Einstellung seines Fernsehprogramms an seinem neuen HD-Receiver – fern. Der Gedanke, dass ein Hobbyprogrammierer, der nicht einmal Abitur hat, möglicherweise geistreichere Apps ausarbeiten könnte, als er selber, stieß ihm übel auf. Es war so, als ob Thomas daran gescheitert wäre, als Koch ein Drei-Sterne-Menu in einem feinen Restaurant vorzubereiten, und Gerald eine Fertig-Lasagne für drei Minuten in die Mikrowelle geschoben hätte und sagen würde: »Siehst du? Ist doch ganz einfach.«

Euer Sebastian

Kristallkugel – Schnipsel aus meinem Romanprojekt

Liebe LeserInnen,

Leben erhält wieder Einzug in die Umlaufbahn meiner Webseite.

Ich habe die Schubladen geöffnet und verstaubte Texte herausgezogen, das Papier vorsichtig abgeklopft.
Von nun an werde ich in unregelmäßigen Abständen Auszüge aus Kurzgeschichten und einer Novelle veröffentlichen, die mir was bedeuten und bei euch vielleicht auch eine positive Wirkung entfalten.
Dafür, dass ich die Texte nie veröffentlicht habe, gab es verschiedene Gründe. Manchmal hatte ich das Gefühl, das Fundament der Geschichte stimmte nicht, sie funktionierte nicht, wie ich mir das erhofft hatte.  Aber auch in diesen Texten stecken Highlights, Gedanken, witzige Augenblicke, die ich euch schenken möchte.

Hin und wieder gibt es auch Schnipsel aus der Rohfassung meines Romans. Ein paar Infos über das aktuelle Projekt gibt es morgen.

Wie bereits angekündigt, startet morgen der “Autorenwahnsinn”(http://schreibwahnsinn.de/challenge-31-tage-autorenwahnsinn-sommeredition/).

Hier der erste Schnipsel aus meinem Romanprojekt:

 

»Hey!« Sachte legt Diana die Hand auf meine Schulter. Als ich aufblicke, feixt sie mich an. »Du bist dennoch ein Gewinn für andere Menschen”, sagt sie. »Darf ich ausnahmsweise mal klugscheißen?«
Ich grinse schwach.
»Betrachte die Vergangenheit als Kristallkugel, die dir deine Verletzungen zeigt, nicht, um an ihnen zu leiden, sondern, um die Wege zu erkennen, die aus den Narben hervorgehen.«
 
Ich wünsche euch einen rekordverdächtigen Wochenstart!
 
Euer Sebastian