Das schaffe ich aus dem Stand …

Heute stieß ich auf einen interessanten Artikel von Richard Norden, in dem dieser darauf aufmerksam machte, dass es viel gesünder und effektiver sei, im Stehen als im Sitzen zu arbeiten.

Als gelernter Bürokaufmann streifte ich in der Berufsschule mal das Thema »Ergonomie am Arbeitsplatz«, damals lag das Hauptaugenmerk jedoch noch darauf, welche Voraussetzungen der Bürostuhl erfüllen und welche Höhe der Tisch haben musste, damit Mitarbeiter produktiv in ihrem Betrieb arbeiten konnten.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein damaliger Chef gerne darauf hingewiesen hatte, dass es durchaus Sinn machte, den Drucker ein stückweit entfernt vom Schreibtisch zu platzieren, damit man am Tag oft genug von seinem komfortablen Stuhl aufstehen musste – mit dem Ergebnis, das man nicht so schnell verspannt und träge war wie nach acht Stunden ununterbrochener sitzender Tätigkeit.

Mein erster Gedanke nach dem Vorschlag von Herr Norden, Texte im Stehen zu schreiben, war: Das ist ja total verrückt!

Der zweite Gedanke war:

OK, ich bin als Autor ja auch ein wenig verrückt, dann kann ich es ja mal austesten.

Als ich mich in meinem Arbeitszimmer umsah, kam mir eine Idee: Da stand eine Kommode, auf der einige Pullover lagen. Kurzerhand befreite ich die Oberfläche und stellte zu meiner Zufriedenheit fest, dass die Höhe des Schranks optimal auf meine 1,95 m Körpergröße abgestimmt war.

Während ich diese Zeilen verfasse, stehe ich kerzengerade, als ob das Möbelstück eigens dafür gebaut worden war, dass ich in aufrechter Position Blogartikel, Kurzgeschichten und Romane ausarbeite.

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Ich sehe im Geiste das anerkennende Nicken meines früheren Vorgesetzten vor mir, das dieser aufsetzen würde, erzählte ich ihm von meiner zum Stehpult umfunktionierten Kommode.

Spätestens nachdem ich ihm mitteilte, dass mein Drucker von meiner Stelle nur eine Armbreite entfernt läge, würde sich auf seiner Stirn eine steile Furche bilden, und seine zustimmende Kopfbewegung würde einem vorwurfsvollen Blick weichen, der mich ernsthaft überlegen ließe, den Drucker lieber im Keller aufzustellen. Aber vielleicht würde er sagen: »Immerhin, so arbeiten Sie gesünder und erfolgreicher als zuvor.«

Ich glaube, er könnte damit recht haben; die Zeit vor meiner Kommode kommt mir außerdem weitaus spannender vor, als früher meine Wache vor dem Kasernentor, bei der meine Abwechslungen darin bestanden, diverse Truppenausweise zu kontrollieren, oder im Geiste das Lied »Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne …« zu summen, und mich dabei immer wieder zu vergewissern, dass die Laterne immer noch ihren Platz einnimmt.

Ebenso befremdlich, wie, dass Wachsoldaten zur Erholung einen Stuhl zur Verfügung gestellt bekommen, erscheint es, dass Schüler ihre Klausuren in Zukunft stehend, und Verwaltungsangestellte ihre Geschäftsbriefe auf einer Kanzel schreiben.

Aber es gab schon verrücktere Ideen, die heute zur Selbstverständlichkeit geworden sind.

Wer hätte etwa vor 100 Jahren wohl gedacht, dass man innerhalb eines Sekundenbruchteils mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren kann? Und, dass dies sogar für den Otto-Normal-Verbraucher umsetzbar ist?

In unserem Zeitalter des technischen Fortschritts haben wir uns alle gemütlich vor den Flachbildschirmen niedergelassen und dabei vergessen, dass unser Körper eben kein Computer ist, der sich passiv dank automatischer Updates neuen Begebenheiten anpasst.

Die Updates für unseren Körper können wir nur selber vornehmen, sie setzen u. a. Bewegung voraus.

Wer z. B. meine Beiträge zum Thema Selbsthilfe gelesen hat, der weiß, dass ich nicht moralisierend den Zeigefinger erheben, sondern nur Möglichkeiten vorstellen möchte, aus denen sich jeder so bedienen kann, wie er es mag.

Wer sich z. B. ausreichend sportlich betätigt und somit einen Ausgleich zum vielen Sitzen auf der Arbeit hat, der ist von den ungesunden Folgen des Bürostuhls sicherlich nicht sonderlich stark betroffen.

Ich habe darüber nachgedacht, dass ich noch einen oben drauf setzen könnte, in dem ich ein Laufband aufstelle und während des Laufens arbeite.

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das zu viel des Guten wäre. In Momenten der Besinnung auf neue Ideen für meine Geschichten könnte ich zu laufen vergessen, mit der möglichen Konsequenz, dass mich das Band von den Füßen reißt und ich mir die Stirn auf meiner Tastatur blutig schlage.

Für Schriftsteller ist das Arbeiten im Stehen jedenfalls eine tolle Idee – sowie für den einen oder anderen, der eingefahrene Gleise verlassen möchte.

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