Das Tagebuch als Selbsthilfewerkzeug

Während die ersten beiden Teile meiner Blogserie eher abstrakt waren, möchte ich heute wie versprochen Methoden fürs kreative Schreiben, in diesem Fall fürs Tagebuchschreiben, anbieten.

Als ich in dieser Woche für diesen Beitrag recherchiert hatte, stieß ich auf eine Webartikel in »The Guardian«, der sich auf eine Studie der University of California bezieht, über welche der Psychologe Matthew Lieberman der Fakultät berichtete:

»‹Writing seems to help the brain regulate emotion unintentionally. Whether it’s writing things down in a diary, writing bad poetry, or making up song lyrics that should never be played on the radio, it seems to help people emotionally[ .]« – Sample, Ian, 2009, »Keeping a diary makes you happier«. In: The Guardian, 15.02.2009, zuletzt aktualisiert um 11.21 Uhr. Verfügbar unter: https://www.theguardian.com/science/2009/feb/15/psychology-usa

Nach den Worten des Psychologen reguliert das Tagebuchschreiben Gefühle, wodurch deren Intensität abnimmt.

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Zufällig stieß ich gestern in einem Zeitschriftenartikel auf eine Aussage, die o. g. Studie zu bestätigen scheint:

»Normalerweise wird die Intensität einer Emotion schwächer, je öfter man die entsprechende Erinnerung abruft. Negatives erscheint allmählich nicht mehr so niederschmetternd, umgekehrt verliert aber auch Positives an Glanz.« – De Brigard, F., 2016. »Was wäre wenn?«. In: Gehirn & Geist, 04/2016, S. 22.

Wie ich im Blog schon erwähnt hatte, kann man beim Schreiben tiefer zu seinem Innneren vordringen:

http://tintenkuenstler.de/tagebuchschreiben-eine-gewaltige-ressource/

Was liegt also näher, als den ganzen Ballast, der in uns steckt, mit einem hübschen Füller in ein Tagebuch zu schreiben, oder mit voller Inbrunst in die Tasten des Computers zu hauen? Als Ergebnis könnte die Heftigkeit der Gefühle ihren Schrecken verlieren und in unserem Ballast-Container verschwinden.

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Wie der Psychologe Matthew Lieberman erklärte, eignet sich gewöhnliches Niederschreiben dazu ebenso wie das Schreiben von Gedichten oder Song-Texten. Briefe und E-Mails können sicherlich einen ähnlichen Effekt erzielen. Dabei kommt es nicht darauf an, dabei in einem ansprechenden Stil zu schreiben. Es kommt darauf an, dass das, was wir loswerden möchten, von Herzen kommt.

Das ist ja schön und gut, mögen Sie jetzt denken, aber sollte ich dann nichts Positives in mein Tagebuch schreiben, wenn die positiven Erinnerungen an Intensität verlieren?

Meiner Ansicht nach können Sie ohne Bedenken glückliche Erlebnisse notieren, denn durch das schriftliche Reflektieren solcher Sternstunden schulen wir unsere Wahrnehmung für die schönen Augenblicke unseres Daseins, sodass wir uns an einem regnerischen Tag künftig möglicherweise nicht darüber ärgern, dass wir unseren Schirm vergessen haben, sondern uns darüber freuen, einen Cafébesuch genießen zu können, zu dem es nur gekommen ist, weil wir Schutz vor dem Niederschlag gesucht haben. 59|

Wenn wir immer wieder bewusst das Positive aus unseren Erfahrungen herausfiltern, fällt es uns auch leichter, in Zukunft aus anscheinend schlechten Ereignissen etwas Erfreuliches zu gewinnen.

Was bedeutet das fürs Tagebuchschreiben?

Wann sollten wir über positive, wann über negative Erlebnisse schreiben?

Wenn Sie eher negative Nuancen wahrnehmen, ist für Sie eine Rückschau, in der Sie positive Details reflektieren, vielleicht hilfreich, um in Zukunft aus so mancher Zitrone Zitronenlimonade machen zu können.

Beim Verarbeiten von belastenden Ereignissen, die Sie zu überwältigen drohen, könnte es für Sie ratsam sein, sich Ihren Frust von der Leber zu schreiben, damit dieser seine Intensität verliert.

Dies kann bei schweren Problemen natürlich keine Therapie ersetzen, ggf. kann das Niederschreiben diese jedoch unterstützen.

Wer das Tagebuch verwenden möchte, um innere Widerstände aufzuspüren und Fortschritte zu erzielen, der kann sich beim Schreiben einige Fragen stellen.

Da wir alle grundverschieden sind, sollten Sie sich Ihre Fragen selber überlegen. Ich unterbreite hier nur ein paar Vorschläge:

Welche Begegnungen mit Menschen waren heute besonders schön?

Welches meiner Vorhaben habe ich heute umgesetzt?

Welche Beobachtungen in der Natur haben mir gutgetan?

Am Ende des Tagebucheintrages könnte man sich Fragen stellen wie z. B.:

Was ist nicht so gut gelaufen, was kann ich aus meinen Fehlern lernen? Wie mache ich es das nächste Mal besser?

Was kann ich für mich tun, um die Stressfaktoren von heute demnächst besser bewältigen oder vermeiden zu können?

Dies alles sind nur Gedanken und Vorschläge. Ich möchte hier noch mal anmerken, dass ich in dieser »Selbsthilfe-Blog-Serie« nur Anregungen liefern möchte. Die Wahrheiten für jeden Einzelnen von Ihnen herauszufinden, das können nur Sie!

Um die positive Wirkung des Positiv-Tagebuchs zu schildern, möchte ich ein Beispiel aus meiner Ausbildung zum Bürokaufmann anbringen.

Es gab eine Phase, in der ich mit meinen praktischen Leistungen nicht zufrieden gewesen war. Also schrieb ich jeden Abend in mein Positiv-Tagebuch und erinnerte mich daran, was trotz meiner Schwierigkeiten gut gelaufen war, welche Probleme ich gut gelöst, welche Arbeiten ich mit einem guten Ergebnis abgeschlossen hatte.

Schreibend reflektierte ich mich intensiv, ich spürte Blockaden auf, die mich daran hinderten, mein Potenzial auszuschöpfen, und vermochte es, Lösungen zu entwickeln, die mir halfen, meine Arbeitsleistung und mein Wohlbefinden zu steigern. Während dieses Zeitraums war ich selbstbewusster, auch im Auftreten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war ich souveräner.

Ich behaupte nicht, dass Sie nur leere Blätter mit Leben füllen müssen, und: Schwupps, alle Probleme seien weg.

Ich stelle hier lediglich ein Werkzeug vor, das nur eins von vielen auf unserer Baustelle des Lebens darstellt.

Wahrscheinlich funktioniert dieses Instrument auch nicht für jeden von Ihnen, von daher möchte ich Sie einladen, meine Vorschläge zum Ballast-Buch (egal ob in Form von Songs, Gedichten, Geschichten oder dem gewöhnlichen Aufschreiben von Erlebtem) und Positiv-Tagebuch mal auszutesten.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir beim Schreiben in unserem Tagebuch Schätze heben können, von denen wir vorher nichts wussten, und um die es zu schade wäre, würden Sie im Ozean unseres Unterbewusstseins brachliegen.

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Möglicherweise motiviert Sie – wie mich – folgende Textpassage:

»Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.« – Mercier, Pascal, 2006, Nachtzug nach Lissabon. 15. Auflage, München: Carl Hanser Verlag. S. 28

Wenn wir nur einen Teil der »stummen Erfahrungen« dank des Aufschreibens lebendig werden lassen können, dann ist das ein großer Gewinn für unser Leben und das Verständnis von uns, denke ich.

Im nächsten Beitrag möchte ich mich einigen Kniffen zuwenden, mit denen Sie sich auf spielerische Art und Weise dem Schreiben nähern können. Ich werde Spiele vorstellen, die Ihre Fantasie aktivieren werden.

Womöglich fragen Sie sich jetzt, was das dann noch mit Selbsthilfe zu tun hat?

Das Nutzen und Fördern von Kreativität kann uns – davon bin ich überzeugt – helfen, neue Talente in uns zu entdecken und noch nicht da gewesene Leidenschaften zu entfachen.

Diese Perspektiven können ein wichtiger Baustein für unsere Selbsthilfe sein.

Ich wünsche Ihnen eine sonnige Woche! Bis zum nächsten Mal!

Ihr Sebastian Domke

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