Der geheimnisvolle Wallfahrtsort

Liebe LeserInnen,

ich möchte euch etwas über einen geheimnisvollen Wallfahrtsort erzählen.

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Zu dem Pilgerort reisen täglich hunderte Menschen. Die eine Hälfte der Anreisenden trägt rote, die andere blaue Kleidung. Die beiden Personengruppen respektieren sich, halten aber Abstand zueinander. Viele von ihnen waren krank gewesen, und einige von ihnen erfuhren an dem Ort Heilung. Das machte die Runde, sodass der Ort bekannter wurde als der Eifelturm in Paris.

Zum Entsetzen der Menschen werden sowohl die roten als auch die blauen Pilger immer kränker.

Zudem sammelt sich Müll auf den Straßen, es mangelt an Essen, Wasser und Sitzgelegenheiten. Das Personal im ansässigen Kloster kann wegen der Überforderung nicht einmal die Hygienevorschriften einhalten. Keime breiten sich aus.

Ein Verwalter des Ortes, ein Mönch stellt sich auf den großen Platz des Klosters und lässt sich von seinen Brüdern berichten, was in diesem heiligen Dorf geschehen ist.

»Alle Pilger sollen noch heute den Ort verlassen. Für ein Jahr darf niemand mehr zu uns kommen.« Er schritt zurück ins Gebäude, ohne sich zu seinen Brüdern noch mal umzuwenden.

Es geschah, wie es geschehen sollte.

Noch an diesem Tag verließen die roten und blauen Pilger den Ort.

Am nächsten Morgen kehrte der Mönch zu seinen Brüdern zurück.

»Versorgt nun vormittags die Tiere, bestellt die Felder, gießt die Pflanzen, reinigt die Häuser. Bis zum nächsten Morgen tut ihr dann nichts außer zu essen, zu trinken, zu beten und zu schlafen.«

Die Tiere gewannen an Kraft, auf den Feldern gediehen Getreide und Pflanzen prächtig, in den Häusern wich der Schmutz und es entstand eine heimelige Atmosphäre.

In dem Jahr wuchs der Wallfahrtsort zu dem schönsten Ort auf der ganzen Welt.

Als das Jahr vorüber war, schritt der Mönch wieder auf den großen Platz und sagte:

»Öffnet die Tore für Pilger, lasst aber nur jede Stunde zwei herrein. Einen Roten und einen Blauen. Sie sollen jeweils am gleichen Tisch ihre Mahlzeiten einnehmen.«

Von nun ans freundeten sich die roten mit den blauen Pilgern an, geheilt wurden mehr Menschen als je zuvor.

 

Vielleicht denkt der eine oder andere Leser jetzt: »Ist Sebastian jetzt total übergeschnappt?«

Das würde zum Teil stimmen, bei dieser Geschichte habe ich mir jedoch was gedacht.

Ich las heute in einem Buch (»Traut euch zu denken« von Ernst Pöppel und Beatrice Wagner) davon, dass Denken komplementär sei. Ratio und Gefühl bedingen einander, ebenso wie Bewusstsein und Unterbewusstsein. Es ließen sich zahlreiche Gegensätze finden.

1983 hatten die Sowjetunion und die USA mehrere Hundert Atomraketen aufeinandergerichtet, als das russische Raketenabwehrsystem signalisierte, dass eine Nuklearrakete von den Amerikanern auf Russland abgefeuert wurde.

Für diesen Fall war das Vorgehen geregelt:

Der Angriff musste gemeldet, der vernichtende Gegenschlag umgesetzt werden.

Der verantwortliche Oberst missachtete die Befehle für diesen Fall. Statt dessen tauchte vor seinen Augen das Bild eines Wassereimers auf, den jemand mit einem Löffel ausleeren möchte. Mit anderen Worten: Die Amerikaner würden niemals nur eine Rakete abfeuern, sie würden alle auf die Reise schicken. Selbst als das Abwehrsystem den Start von anderen Raketen zeigte, verließ sich der Oberst auf die Intuition. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Der Instinkt des Oberstes verhinderte somit den dritten Weltkrieg.

Zum Glück müssen wir keine Entscheidungen treffen, von denen ein Weltkrieg abhinge. Aber unseren Instinkt zu fördern, zu entwickeln, wäre doch nicht übel, oder?

Nur, wie geht das?

Die Autoren von »Traut euch zu denken« empfehlen, sich von seiner eigenen Zeit eine Stunde für die Muße zu stehlen, damit die Intuition Raum bekommt, sich wieder entfalten zu können.

Wenn nicht für eine Stunde, wie wäre es, wenn wir uns zehn Minuten am Tag Zeit nehmen würden, um nichts zu tun. Handy aus. Radio, Fernsehen, Laptop, Licht, alles aus. Dann in sich hineinhorchen, was passiert.

Dieser Vorschlag, sich eine Stunde zu stehlen, inspirierte mich zu obiger Geschichte.

Die roten Pilger stehen für die Gefühle, die blauen für die Gedanken.

Der Pilgerort stellt unseren Kopf dar, der nach einer Ruhepause von Sinneseindrücken, Gedanken, und Gefühlen nicht nur entspannter, sondern auch ertragreicher ist. Dadurch, dass die Sinneseindrücke nicht mehr lawinenartig einströmen, hat die Seele Zeit, den Körper einzuholen.

Unsere Gedanken und Gefühle essen zusammen am Tisch und helfen sich gegenseitig. Ratio und Gefühl arbeiten im Team.

So, nun habe ich erst mal genug geschrieben.

Ich werde jetzt für eine Stunde meinen Pilgerort leeren.

Schreibt, lest und pilgert schön! 😉

Euer Sebastian

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