Für wen schreibe ich?

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Liebe LeserInnen,

manche Fragen tauchen immer wieder an der Oberfläche meines Bewusstseins auf.

Der Frage, warum ich schreibe, bin ich mehrfach begegnet: In der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, bei befreundeten Autoren. Aber damit nicht genug. Auch ich habe mit vertrauten AutorInnen diese Frage erörtert. Last but not least, erscheint sie gelegentlich von selbst, wie ein treuer Hund, der sich im Gelände ausgetobt hat, aber immer wieder mit loyalem und erwartungsvollen Blick zurückgekehrt ist.

Als Autor gibt es eine ganze Reihe von Themen, die mich auf diese Weise öfter aufsuchen.

Ich erinnere mich an Texte, bei denen ich der Kritik ausgesetzt war, alte Themen erneut gewälzt zu haben.

Hattet ihr mal einen Fleck auf einem Kleidungsstück, der partout nicht schwinden wollte? Was habt ihr gemacht?

Ihr habt womöglich das Waschprogramm verändert, ein anderes Waschpulver oder Fleckenentferner verwendet.

In gar nicht so seltenen Fällen ist der Fleck von Waschgang zu Waschgang blasser geworden, nicht wahr? Ich wette mit euch, dass er manchmal ganz verschwunden ist.

Genau so verhält es sich mit der reinigen Kraft des Schreibens.

Asche auf mein Haupt. Um die Ausgangsfrage »Warum schreibe ich« zu beantworten, habe ich weit ausgeholt.

Während meiner Schreibanfänge dachte ich, mir ginge es darum, die Welt ein wenig zu verbessern, und das ist mir auch heute noch ein wichtiges Anliegen (www.tintenkuenstler.de/kann-ein-autor-die-weilt-veraendern). In Wahrheit habe ich von Anfang an für mich selbst geschrieben, in dem ich Verletzungen und Bereiche meines Lebens – stark verfremdet – bearbeitet habe. Oftmals ist mir erst mit Abstand bewusst geworden, was bei einigen Texten nach oben gespült worden war.

Will heißen: Ich wollte andere Menschen im Herzen berühren, was mir zum Teil gelungen ist, die stärkste Wirkung habe ich aber im Gewässer meiner Seele verspürt. Die Oberfläche entspannte sich immer mehr, selbst in schwierigen Phasen der Erschöpfung halfen mir Gedichte und kurze Texte, um zur Ruhe zu kommen.

Mittlerweile glaube ich, dass jeder Autor in sich selbst mit jeder Geschichte, jedem Blogbeitrag, jedem Roman und jedem Gedicht einen Waschgang einlegt. Meist verblassen die Flecken, manchmal verschwinden sie vollständig.

Der Frage »Für wen schreibe ich« hat sich auch Haruki Murakami gestellt, ein japanischer Schriftsteller, der mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert wurde. Ich schätze ihn und seine Werke sehr.

In dem Buch »Von Beruf Schriftsteller« schrieb Murakami:

»In Wahrheit schreibe ich vor allem für mich selbst … Ich frage mich, ob ich mich nicht auch gewissermaßen »selbst therapiere«. Denn jede kreative Beschäftigung schließt mehr oder weniger das Vorhaben ein, sich zu verändern. In dem man sein Ich relativiert und die eigene Psyche zu anderen Formen in Beziehung setzt, werden verschiedene Widersprüche, Brüche und Zerrbilder, die sich im Laufe eines Lebens unweigerlich eingestellt haben, aufgelöst oder sublimiert. Wenn alles gut geht, teilt man das Geschehen mit dem Leser …« (“Von Beruf Schrifsteller”, erste Auflage 2016, ISBN 978-3-8321-9843-5 S. 185, 186)

Ich kenne einige Autoren, bei denen sich das genauso wie beschrieben zugetragen hat. Das Schreiben hat in ihnen heilende Prozesse in Bewegung gesetzt.

Im therapeutischen Bereich werden das Schreiben von Texten (auch Poesietherapie genannt) ebenso wie die Bibliotherapie (gezielt werden Romane gelesen, die zu eigenen Verletzungen passen und den psychischen Heilungsprozess fördern) immer noch nicht als vollwertige Therapieform anerkannt.

Wir hinken in dieser Beziehung anderen Ländern hinterher.

Danke für eure Aufmerksamkeit!

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian

 

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