Geheimprojekt

Liebe LeserInnen,

lebt ihr noch, oder schreibt, träumt und lest ihr schon?

Ich war einige Zeit in der Versenkung verschwunden, arbeitete aber stetig an verschiedenen Texten.

Einen Textschnipsel aus einem Geheimprojekt, an dem ich seit einige Wochen arbeite, möchte ich heute mit euch teilen:

Ruckartig heftete ich meinen Blick auf die Decke und blickte zum Auge der Kamera.

Es war so selbstverständlich kontrolliert zu werden, dass ich es die meiste Zeit über vergaß. Auch wenn ich nicht verstand, weswegen mich Grassner zu sich gerufen hatte – was Gutes hatte das sicher nicht zu bedeuten.

Zum ersten Mal hatte er mich in sein Büro zitiert.

Als ich die Schwelle zu dem verglasten Office überquerte, drang das monotone Surren des Deckenventilators an meine Ohren.

Monitore säumten die hintere Kante des Schreibtisches.

Ob es ihm Freude bereitete, uns hinterherzuspionieren?

Auszeichnungen und Urkunden zierten die braune Wandtapete, eine Reihe darüber prangte zwischen zwei Hirschgeweihen das Foto einer Frau, die wie Grassner, zwischen fünfundvierzig und fünfzig sein dürfte.

Ihre schwarzen zur Dauerwelle frisierten Haare wirkten streng und traditionell, über der Bluse trug sie eine weiße Perlenkette. Als ich ihre stumpfen, beinahe leblosen Augen betrachtete, fuhr ein Schauer durch meinen Körper, und ich zuckte zusammen.

»Aufregender Tag, Junge, nicht wahr?«

Ich zuckte mit den Achseln, wagte aber nicht, ihn anzusprechen. Auch wenn ich seine Wutanfälle noch nicht zu spüren bekommen hatte: Wenn nur die Hälfte der Geschichten über seine Ausraster stimmte, war ich besser beraten, mich zurückzuhalten.

Grassner taxierte mich und deutete auf den hölzernen Klappstuhl gegenüber.

»Setzt dich, Junge, wir haben was zu bereden!«

Mein Herz hämmerte im Stakkato, als ich nur durch den Sekretär von ihm getrennt, ihm gegenüber Platz nahm und sein süffisantes Grinsen über mich ergehen ließ.

Stille. Nur das Surren der Rotorblätter. Es fiel mir schwer, ruhig sitzen zu bleiben.

Mein Chef kostete den Moment aus. Als ich begann, mit dem Fuß zu wippen, schlug er mit der Hand auf den Tisch. Ich erstarrte.

»Möchtest du eine rauchen?«, fragte er, nestelte an der Hemdtasche herum und zog eine Zigarrendose hervor.

»Nein«, flüsterte ich. Mit den flachen Händen rieb ich über die Stuhlkanten und versuchte vergeblich, den Schweiß abzuwischen, der aus meinen Poren strömte.

Grassner zündete sich eine dicke Zigarre an, wandte sich zur Decke und stieß mit gespitztem Mund Dunstwolken aus, um dann zu verfolgen, wie die Rotorblätter des Ventilators diese zerteilten.

Die leichte Vanillenote in dem Zigarrenduft vermochte nicht den Anflug von Übelkeit zu verhindern, der in mir aufstieg.

Ich hustete.

»Willst du was trinken?«

Ich nickte stumm. Grassner zapfte einen Becher aus dem Wasserspender und reichte ihn mir.

Ich stürzte das Getränk herunter und atmete tief durch. Jetzt war es etwas besser.

»Hübsch, die Kleine im Gefangenentrakt! Kann verstehen, dass dich das umgehauen hat.«

Ich hatte am ehesten erwartet, auf den Konflikt in der Gruppe angesprochen zu werden; sein Einwand traf mich unvorbereitet.

Angst kroch wie giftspeiende Schlangen in mir hoch. Es klackte, als ich den Plastikbecher in der Faust eindrückte.

»Wie …« Plötzlich verstand ich. Wir wurden weitaus umfassender beaufsichtigt, als ich bisher angenommen hatte.

Wie konnte ich nur so dumm gewesen sein? Dass das Gefängnis überwacht wurde, lag auf der Hand.

»Viola Andromeda«, sagte er und zeigte seine gelblichen Zähne. »Das ist nicht ihr richtiger Name … Sagt dir der Name Andromeda was?«

Leicht neigte ich den Kopf.

»Wir lernten etwas darüber in der Schule. Griechische Mythologie.«

»Wegen der Eitelkeit von Cassiopeias Mutter sollte Andromeda geopfert werden. Was für eine Tragödie, nicht wahr?«

War Viola in Gefahr? Sie wusste wohl ebenso wenig von den Kameralinsen auf dem Gelände des Gefängnisses wie ich.

»Perseus gelang es, Andromeda zu retten«, ergänzte ich, biss mir aber auf die Lippe. Was tat ich nur?

»Willst du Perseus sein?« Grassner bog sich vor, sodass ich seinen ranzigen Atem roch und die spröde, an trockenes Leder erinnernde Haut aus nächster Nähe sah. Seine Falten erinnerten mich an die Risse, die sich auf der grauen Außenmauer abzeichneten.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

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