Kompass

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Liebe LeserInnen,

manchmal lass ich mich von Mutmachkarten inspirieren «Total aus dem Häuschen, Gute-Laune-Karten für jeden Tag« – Amazon-Link). Vor einigen Tagen zog ich eine mit dem Spruch:

»Es ist egal, wohin du gehst. Hauptsache, die Richtung stimmt.«

Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag der zehnten Klasse, an dem die Klassenlehrerin uns eine ungewöhnliche Aufgabe auftrug:

Wir mussten aufschreiben, was wir in fünf Jahren erreichen wollten. Öffnen durften wir den Brief erst, ihr ahnt es schon, fünf Jahre später. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die es lieben, sich konkrete Ziele zu setzen. Ziele verleihen ihnen Kraft und Motivation.

Nun gibt es noch einen anderen Menschenschlag: Jene kreativen Geister, die wissen, für welche Werte sie leben und was sie mit Leidenschaft füllt, ohne dabei klare Ziele zu formulieren.

Was meinen damaligen Brief an mein späteres Ich angeht, hatte sich einiges erfüllt. Ich machte Abitur und begann eine kaufmännische Ausbildung. Erst viel später fand ich heraus, dass es gar nicht meine eigenen Wünsche waren, die in dem Brief standen.

Schließlich beendete ein Zusammenbruch meine Pläne. Der Zusammenbruch hatte zwar nichts mit meinen gesteckten Zielen zu tun, aber das Beispiel zeigt ganz gut, dass es im Leben oft anders kommt, als man denkt.

Was das Schreiben angeht, hatte ich vor langer Zeit kleine Essays für eine Zeitschrift geschrieben, in der Menschen mit seelischen Erkrankungen zu Wort kommen. Wie so mancher weiß, bin ich selbst Betroffener.

Damals wimmelte es in meinen Texten von Fehlern, sowohl grammatikalischer als auch stilistischer Art. Ich hatte niemals geplant oder mir zugetraut, anderen bei der Überarbeitung und Korrektur von Romanen und Geschichten zu helfen, und doch mache ich das heute von Zeit zu Zeit.

Neben einem geheimen Glücksprojekt und meinem Roman lauern in meiner Schublade Ideen, die mir früher nie entsprungen wären.

Der Weg ist für mich das Ziel, das Schreiben selbst der Sinn, drum lass ich mich fröhlich treiben und verurteile mich nicht, wenn Projekte zum Erliegen kommen und neue dazu stoßen.

All das, was wir schippernd aus dem Fluss des Lebens fischen, ist vergänglich. Was wir aber am längsten genießen können, ist die Reise selbst. Weil Ziele so vergänglich sind, genieße ich meinen Weg und halte das fest, was am längsten währt: Achtsame Momentaufnahmen einer mystischen Erkundung, bei der mein Herz der Kompass ist.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian



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