Was wir brauchen, sind positiv Verrückte …

Liebe Welt,

unser Planet braucht positive Verrücktheiten und weniger Urteile über Menschen, die anders sind.

Wie sagte einst George Bernhard Shaw?

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.

Als Willkommensgeschenk schenke ich euch eine Geschichte über einen durchgeknallten Tpyen, die ihr euch gerne per Video ansehen könnt:

Robin Pusteblume

Wissen Sie, ich bin Journalist und sollte für die neue Rubrik »Geschichten aus vergangenen Zeiten« eines Boulevardblatts Menschen nach bewegenden Abschnitten ihres Lebens befragen. An einem Tag, an dem Schneeflocken das Fenster beträufelten und knisternde Spannung in der Luft des kleinen möblierten Zimmers einer Seniorenresidenz lag, sprach ich mit Herbert Stock.
Intuitiv spürte ich, dass die Geschichte, die er zu erzählen hatte, etwas Besonderes war. Die Augen des Seniors glänzten, es sprach ein Ausdruck aus ihnen, dem ich gewöhnlich bei jungen Männern begegnet war, die daran glaubten, die Welt erobern zu können. Nun, Herberts Geschichte spielte vor 20 Jahren, als er 67 war.
Mein Verdacht, dass ich eine außergewöhnliche Geschichte hören würde, erhärtete sich, als Herr Stock erklärte, man habe ihm seinen Schrebergarten wegnehmen wollen.
»Sie sollten ihn abgeben?«, fragte ich verwundert.
Der alte Mann beugte sich mühsam im Sessel, legte die Zeitung auf den Tisch und drappierte seine Lesebrille auf ihr. Bedächtig hob er den Kopf. Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel. Herbert nickte mehrmals. Sein silbernes Haar auf dem Kopf geriet dabei kaum merklich in Bewegung.
»Den Garten pflegte ich fast mein ganzes Leben. An dem Ort lebte ich bereits über zehn Jahre. Wissen Sie, was das bedeutet?«
»Ich kann es nur vermuten. Das Stück Land war für Sie bestimmt mit dem Herzen verwachsen, Herr Stock.«
Langsam, mit zittrigen Händen schlürfte Herbert aus einer Teetasse mit bunten Verzierungen.
»Sie sagen es. Es kam zu immer neueren Regeln und Auflagen, wie hoch der Zaun sein durfte, welche Bäume man pflanzte, und wie die Blumenbeete gestaltet werden mussten.«
»Ich verstehe.« Ich lehnte mich im Stuhl ein Stück nach vorne und ließ den alten Mann nicht aus den Augen.
»Wissen Sie, ich hatte damals einen Bandscheibenvorfall und nicht mehr die Kraft, mich um Bepflanzung zu kümmern. Mein Enkel Maik entfernte auf meinen Wunsch hin die verkommenen Pflanzen, und ich wohnte in dem einzigen Garten der Siedlung, in dem keine Pflanzen wuchsen.
»Und das war ein Problem?«
»Sie werden es nicht für möglich halten, aber ich sollte den Garten aufgeben, weil in meinen Beeten z. B. keine Orchideen, Himbeeren und Erdbeeren wuchsen.«
»Was passierte dann?«
Herbert lachte auf, ich glaubte zu erkennen, dass seine Netzhaut feucht wurde.
»Ich möchte Ihnen etwas über Maik erzählen, meinen Enkel.«
»Ich höre Ihnen gerne zu.«
»Maik war anders als die anderen Jungen, in sich gekehrt, bis …«
»Ja?« Herbert stützte sein Kinn in die Handfläche. Ich las tiefes Mitgefühl in seinen Augen.
»Er wurde verrückt, er wurde in die Psychiatrie eingeliefert.«
Herbert lehnte sich zurück. Wir schwiegen. Sein Blick entschwand in dem Moment seiner Welt, plötzlich wirkte es, als sei ein Hauch Leben aus ihm gewichen. Sein Ausdruck klärte sich wieder.
»In einem Frühling im April – Maik war kurz zuvor ins Krankenhaus gebracht worden – tauchte ein sehr seltsamer Mensch auf.«
Ich hob die Brauen.
»Ich musste mir erst die Augen reiben … Es war ein Typ mit Ledermontur und Filzhut, so, als wäre er aus der Leinwand eines Robin-Hood-Films geklettert.«
»Oh.«
»Er hatte solch einen Bogen wie Robin Hood. Der Freak …« Horst lächelte, als er das sagte, »… streifte ihn sich von dem schmalen Rücken und spannte den Bogen mit einem Pfeil. Wissen Sie, ich bekam es mit der Angst zu tun.«
»Das kann ich verstehen. Ist Ihnen was passiert?«
»Ich war vor Schreck erstarrt, Sein Gesicht war unter einer Maske versteckt und er feuerte einen Pfeil ab.«
»Oh mein Gott.«
»Er landete an der Grenze meines Grundstücks und konnte mir nicht gefährlich werden, aber ich holte mein Jagdgewehr und vertrieb ihn. Das wiederholte sich in einigen Tagen mehrere Male.«
»Wenige Tage später erhielt ich einen Anruf. Ein Polizist erkundigte sich nach meiner Gesundheit. Maik sei die Flucht aus der Psychiatrie gelungen und habe gesagt, er befände sich auf einer wichtigen Mission und müsse zu seinem Großvater.« Herberte kreuzte die Hände ineinander, das Glänzen war in seine Augen zurückgekehrt. »Der Beamte sagte, ich habe nichts mehr zu befürchten, der Junge sei in Gewahrsam. Sie fragen sich bestimmt, was das mit meinem Garten zu tun hat, nicht wahr?«
»Möchten Sie es mir verraten?«. Ich lächelte ihm aufmunternd zu.
»Ich hatte mich nach den Vorfällen in die Räume des Gartenhauses zurückgezogen und blieb dort wochenlang. Zum Glück hatte ich in den Tiefkühlschränken Vorräte für mehr als einen Monat. Dann kamen sie.«
»Diejenigen, die Ihnen den Schreibergarten nehmen wollten?«
»Ja.«
»Sie kamem zu viert, mit Stapeln von Formularen in meinen Garten. Sie wollten, dass ich den Aufhebungsvertrag des Vertragsverhältnisses unterschreibe. Ernst Huber, der Nachbar von gegenüber bemerkte das und mischte sich ein.
›Sie dürfen ihm den Garten nicht wegnehmen. Was sollte der Grund sein‹, rief er.
›Es gibt eine Auflage, dass es Flora geben muss.‹
›Aber die gibt es doch!‹ Herr Huber wies mit der Hand auf die Blumenbeete, in denen Löwenzähne wuchsen. Genau an den Stellen, auf die Maik die Pfeile abgefeuert hatte.
›Das ist Unkraut‹, sagte der Vorsitzende. Ernst schüttelte mit dem Kopf und hielt dem Vorsitzenden den Auszug des Vertrags vor die Augen. ›Nach dieser Klausel sind Heilpflanzen erlaubt. Die heilenden Wirkungen der Löwenzahnwurzeln und der Blätter sind medizinisch anerkannt.‹
Die Verantwortlichen überprüften die Angelegenheit, und es zeigte sich, dass Ernst recht gehabt hatte. Einige Wochen später hatte sich Maik erholt, Medikamente stabilsierten ihn seither. Er redete mit mir über den Vorfall und konnte sich an die Pfeil – und Bogen-Aktion erinnern.
Er erklärte mir, wie es dazu gekommen war. Er hatte sich für Robin Pusteblume gehalten, einen Helden, der mit Löwenzahn und Pusteblumen die Welt retten wollte. Er kannte zwar die Klausel über die Heilgewächse nicht, aber er wollte mir helfen, damit ich an dem Ort bleiben konnte. Also band er Pusteblumen an die Pfeile und feuerte sie in das Erdreich.«
Herbert lachte, ich stimmte ein.
»Mein Gott, noch nie habe ich einen Menschen so lange umarmt, wie meinen Enkel in diesem Moment.«
»Besucht er Sie hier?«
»Ja, er kommt jeden Abend vorbei.« Herbert deutete auf einen Blumenkübel auf der Fensterbank, es mussten mindest hundert Löwenzähne sein. »Er bringt mir jeden Abend Löwenzahn mit.«
»Das ist rührend.«
»Ja, und es hält mich so verdammt lebendig. Es wuchs Unkraut, das in Wahrheit keins war. Verrücktheit, die in Wirklichkeit herzlich genial war, habe ich zu verdanken, dass ich noch zehn weitere Jahre in meinem Garten wohnen durfte.« Herbert klopfte sich auf die Schenkel und lachte schallend. »Die Welt braucht solche Verrücktheiten.«

Vielen dank für deine Aufmerksamkeit, liebe Welt!

Dein Sebastian

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