Schreibspiele

Wie besprochen stelle ich heute einige Ideen für Schreibspiele vor, die uns z. B. bei der Lösung von Problemen helfen können.

All denjenigen, die jetzt aufstöhnen und sagen: »Schreiben ist aber nichts für mich«, kann ich mit Freude an dieser Stelle eröffnen, dass Sie die folgenden Übungen auch denkend oder sprechend (z. B. per Aufnahme mit einer Aufnahme-App 23|) durchführen können, wenn Sie sich das Endergebnis notieren.

Wenn es um die Bewältigung von Aufgaben geht, man über das Wissen verfügt, diese zu meistern, höre ich oft den Spruch: »Das ist Kopfsache.«

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Sie haben das bestimmt vielmals bei Sportübertragungen, Prüfungssituationen und anderen Wettbewerben jeglicher Art gehört.

Aber was nützt uns die Erkenntnis, dass es »nur Kopfsache« ist, eine künftige Herausforderung zu bewältigen?

Wie bringen wir unsere Köpfe in eine Verfassung, mit der wir unsere Ziele erreichen können?

Wenn ich hierauf eine allgemeingültige Antwort wüsste und diese verkauft hätte, würde ich mir eine Luxusvilla leisten und diesen Blogbeitrag auf einer wasserdichten Tastatur schreiben – bei 37 Grad Wassertemperatur inmitten meines Whirlpools des zum Anwesen gehörenden Parks.

Es gibt aber in der Tat Verfahren, mit denen man einen anderen Blick auf Probleme bekommen kann, um diese dann besser bezwingen zu können.

Inwieweit uns dabei das Schreiben helfen kann, darauf komme ich gleich zurück.

Zunächst möchte ich Ihnen den Camelot-Effekt vorstellen.

Der Begriff »Camelot-Effekt« begründet sich auf einer Szene des Musicals Camelot.

Merlin fragte, als ein Habicht über ihnen kreiste, seinen Schützling Arthus:

»Was sieht der Habicht, was der junge Arthus nicht sieht?«

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Arthus stellte sich vor, dieser Habicht zu sein, und entdeckte dabei etwas für ihn Neues.

Die Grafschaften in England waren zerstritten, aber mit dem aufgesetzten Kopf des Habichts sah er, dass – von oben betrachtet -, keine Grenzen erkennbar waren. Auf diese Weise reifte in Arthus der Wunsch, England später zu vereinen.

So die Sage, erzählt im Musical »Camelot«.

Klingt das nicht wie esoterischer Hokuspokus? Sich einfach vorzustellen, einen anderen Kopf aufzusetzen?

Ich glaube, dass dies wirklich funktionieren kann.

Als ich mich in meinem Alltag vor Jahren einer Vielzahl von Konflikten ausgesetzt war, stellte ich mir vor, wie mein Großvater damit umgegangen wäre.

Danach wurde ich ruhiger. Da ich den Charakter meines Großvaters gut kannte, habe ich durch das Einnehmen seines Blickwinkels mein Problem anders begutachtet, mit dem Ergebnis, dass ich auf zielführendere Herangehensweisen kam als zuvor.

Die 2011 verstorbene Vera Birkenbihl hatte sich dem »Camelot-Effekt« (der Link führt zu einem Youtube-Video mit Vera Birkenbihl) in einem Seminar gewidmet.

Aber, was um alles in der Welt, werden Sie vielleicht fragen, hat das mit meinen angekündigten Schreibspielen zu tun?

Ich hatte bereits in einem vorherigen Beitrag erwähnt, dass man beim Schreiben intensiver über seine Probleme nachdenkt, dass man in die Tiefe geht, während man oft beim Denken oder Reden nur an der Oberfläche kratzt.

Ein Problem, das uns allen Menschen gemein ist, ist die Sache mit den Konflikten.

Nahezu jeder Mensch gerät in seinem Alltag in Konfliktsituationen. Wer das komplett vermeidet, weil er sich schützen möchte, bei dem werden sich aller Voraussicht nach innere Konflikte verschärfen.

Für mich als Autor sind (zumindest die Konflikte in meinen Geschichten) etwas Wunderbares, weil gerade diese eine Story spannend machen.

Und es ist für mich aufregend, die Perspektive verschiedener Charaktere einzunehmen.

Auch wenn Sie keine Kurzgeschichten oder einen Roman schreiben, kann es Ihnen helfen, eine andere Perspektive einzunehmen, um z. B. zu eingefahrenden Denkmustern Abstand zu gewinnen.

Schreibübung 1:

Sie haben ein Problem, das Ihnen den Schlaf raubt? Ich schlage vor, Sie gehen ihren Familien- oder Freundeskreis durch oder denken über Künstler, Prominente oder Spitzensportler nach, von denen Sie glauben, Sie wären für die Lösung Ihres Problems prädestiniert.

Dann überlegen Sie: Wie würden Frau oder Herr XY über Ihr Problem schreiben, welche Lösungsvorschläge würden sie notieren?

Schreibübung 2:

Sie befinden sich im Konflikt mit einer Person?

Schildern Sie, wenn Sie mögen, den Streitfall aus Sicht der anderen Person.

Wenn Ihnen das unvorstellbar ist, weil Sich alleine schon beim Gedanken daran die Nackenhaare aufrichten, versuchen Sie es doch mit dem Kompromiss und führen Sie schreibend, einen imaginären Dialog mit dieser Person.

Bevor ich zu Schreibübung 3 komme, möchte ich Sie mit der 6-Hüte-Methode, erdacht von dem Autor Edward De Bono, bekannt machen:

Diese Technik wurde für die Verwendung in Gruppen entwickelt, mich brachte sie auf die Idee für

Schreibübung 3:

Der weiße Hut steht für »reine Fakten«.

Der gelbe Hut steht für »optimistisches Denken«.

Der schwarze Hut für »pessimistisches Denken«

Der grüne Hut steht für »ausgefallene Gedankenverbindungen, für Kreativität«.

Der blaue Hut steht für Struktur, Übersicht und Ordnung.

(Das ist die Aufteilung verschiedener Hüte nach De Bonos System.)

Sie haben ein komplexes Problem, Sie müssen eine schwerwiegende Entscheidung fällen?

Dann schlage ich vor, dass Sie sich eine Konferenz vorstellen, in der Sie mit sechs Profis zusammensitzen, die diese sechs Hüte tragen. Schreiben Sie nun in Dialogform auf, wie diese Experten über ihr Problem beraten.

Der Träger des blauen Hutes ordnet die verschiedenen Erkenntnisse und teilt sie Ihnen mit.

Wenn Sie dann noch eine Nacht oder zwei drüber schlafen, können Sie eine Entscheidung fällen, die Sie konstruktiv durchdacht haben.

Ich sehe es förmlich vor mir, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich sagen: »Ich habe gar nicht die Zeit, das alles aufzuschreiben.«  Dieser Einwand wäre sicherlich berechtigt.

Die gute Nachricht ist, dass Sie wie oben vorgeschlagen, diese Übung auch durchführen können, wenn Sie sich vorstellen, die entsprechenden Hüte aufzusetzen und nur das Ergebnis dieses Gedankenspiels notieren.

Ich möchte Sie auch nicht auffordern, jeden Tag wie ein Besessener zu schreiben.

Vielmehr möchte ich Ihnen als Anregungen ein paar Ideen vorstellen, von denen die eine oder andere für Sie funktioniert.

Selbst wenn Sie nur unregelmäßig solche Übungen absolvieren möchten, könnten Sie davon profitieren.

Mich würde das freuen.

Zum Schluss möchte ich auf eine Besonderheit hinweisen, die mir schon mehrere Male widerfahren ist:

Eine Angelegenheit raubte mir den letzten Nerv. Ich wusste, nicht, was ich unternehmen konnte, um mich von diesem Problem zu befreien. Also redete ich mit einem Freund darüber. Der Freund hörte mir zu und sagte bei der Schilderung meiner Sorgen so gut wie nichts.

»Danke, dass du mir bei der Lösung geholfen hast«, sagte ich ihm am Ende meines Monologs, worauf dieser entgegnete: »Danke, aber ich habe doch gar nichts gemacht.«

Umgekehrt, als Zuhörer, habe ich das auch schon des Öfteren erlebt, wie alleine die körperliche Anwesenheit als Zuhörer dazu führte, dass sich das Problem meines Gegenübers gelöst hat.

Oft steckt mehr Substanz in uns, als wir selbst für möglich gehalten hätten.

Was aber, wenn niemand greifbar ist, der uns zuhört?

Für diejenigen, denen Schreibspiel 3 mit der Konferenz zu umfangreich ist, schlage ich nun das folgende Spiel vor:

Schreibspiel 4:

Stellen Sie sich einfach Ihr »Alter Ego« vor, ihr zweites Selbst.

Der Begriff Alter Ego stammt von dem griechischen Philosophen Cicero (44 v. Chr.), der schrieb: »Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst«.

Mein Tipp ist, dass Sie sich vorstellen, einen Dialog mit einer alten weisen Frau oder einem alten weisen Mann zu führen, der Sie als Person aus der Zukunft abbildet, und Sie besser kennt, als Sie sich selbst in der Gegenwart einschätzen können.

Ihr Alter Ego leitet Sie dann durch das Gespräch, das Sie zu Ihrer Problemlösung führt.

Falls Sie einige dieser Ideen ausprobieren sollten, freue ich mich über Feedback, ob Ihnen die Anregungen eine Hilfe waren. Vielleicht haben Sie sogar andere Vorstellungen, die für Sie besser funktionieren.

Über eine E-Mail22| an sebastian.domke@tintenkuenstler.de mit Erfahrungen oder Vorschlägen würde ich mich freuen.

One thought on “Schreibspiele”

  1. Lieber Sebastian, vielen Dank für die Anregungen. Zwei davon habe ich zuvor bereits selbst angewendet und als sehr hilfreich empfunden. Ich bin gespannt, als wie hilfreich sich die übrigen beiden erweisen werden.

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