“Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.”

59|Wenn euch in Auschwitz Grausames widerfahren wäre, würdet ihr darüber nachdenken, dass die SS-Männer einen göttlichen Funken in sich tragen?

Vielleicht bejahen die einen unter euch die Frage ebenso vehement, wie andere sie verneinen. Ich kann mir in beiden Fällen vorstellen, dass ihr danach zurückrudert, weil sich die Antwort auf eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft bezieht. So ging es jedenfalls mir.

Die Brutalität in den Konzentrationslagern war so menschenverachtend, dass es in unserer heutigen Zeit schwerfällt, sich in so ein Schreckenszenario hineindenken zu können.

Letzte Woche Donnerstag, am 30.03.2017, besuchte ich im Gemeindezentrum der Christuskirche in Siegen eine Lesung von Manfred Lütz, der sein Buch »Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden« präsentierte, für das er den Auschwitz-Überlebenden Jehuda Bacon interviewt hatte.

Die Ausführungen Bacons waren gleichermaßen voller Erschütterung und Hoffnung.

Erschütternd angesichts des Holocausts, der etwa sechs Millionen Juden das Leben kostete — so vielen Menschen, wie Hessen heute Einwohner hat.

Voller Hoffnung, weil Jehuda Bacon stets das Gute im Menschen sehen konnte. Diese Hoffnung drang beim Lesen jeder Seite zu mir durch.

Den Grundstein dafür hatte Jacob Wurzel, ein Lehrer, gelegt, der seinen Schülern etwas mit auf den Weg gab, bevor er deportiert wurde:

»›Kinder, in jedem ist ein Funke Gottes und mit der Zeit wird er zur Flamme und dann werdet ihr ganz von Gott erfüllt sein.‹ Er sagte, es sei unsere Arbeit, diesen Funken zur Flamme zu bilden, um ihn dann Gott zurückzugeben, und das machte auf uns alle einen ungeheuren Eindruck und sickerte später langsam in uns ein.«

Diesen göttlichen Funken sah Bacon z. B. in einem  SS-Mann, der in Auschwitz Juden verprügelt hatte, und einmal Jehuda und einigen anderen Kindern Salamistücke überreichte, um sie dann fortzuschicken:

»Und da sage ich wieder: In jedem Menschen ist dieser göttliche Funke, auch in einem solchen Verbrecher. Plötzlich ist er da gewesen!«

Der ungebildete SS-Mann war der einzige, der beim Frankfurter SS-Prozess seine Schuld eingestand.

»In Auschwitz ist mir klar geworden, dass Bildung häufig nur eine dünne Schicht auf der Seele ist. In Grenzsituationen bleibt nur die Herzensbildung übrig«, resümierte Jehuda Bacon.

Ich möchte diesen Gedanken dahingehend ergänzen, dass Geld und Macht in unserer Gesellschaft ebenfalls eine dünne Schicht sind, die den Kern unserer Seele verdecken, ja sie sogar wie Säure allmählich zersetzen können, wenn wir mit gierigen Händen immerzu nach den Sternen greifen wollen und dabei unsere Mitmenschen vergessen.

 

Jehuda Bacon ist ein renommierter Künstler, dessen Werke in bedeutenden Galerien ausgestellt wurden.

Seine Bemerkung über die Ausübung von Kunst fand ich aufschlussreich:

»… Denn jeder Künstler und jeder Mensch betet, wenn er etwas von ganzem Herzen macht. Jeder Künstler betet durch seine Kunst, auch wenn er es nicht weiß.«

 

Man könnte meinen, bei einem Gespräch des Christen Manfred Lütz und des Juden Jehuda Bacon könnte während des Schreibens eines Buches eine gewisse Spannung entstehen. Wenn eine solche existieren würde, äußert sie sich eher wohlwollend.

Manfred Lütz: »Vieles, was Sie sagen, ist sehr nah am Christlichen, stimmt das?«

»Ich denke, das ist immer fast dasselbe. Das eine ist, Jesus mit den Augen eines Christen gesehen, das andere ist, Jesus mit den Augen eines Juden gesehen. Für mich ist klar, wir Juden und wir Christen, wir sind eben so geboren. Aber von wem sind wir geboren? Vom selben Gott! Die Probleme gibt es nur, weil wir alle Menschen sind.«

Ich denke, viele Gläubige, die sich in theologischen Feinheiten verrennen, statt auf Gemeinsamkeiten zu schauen, könnten sich an dieser schlichten Weisheit ein Beispiel nehmen.

Auf die Frage, ob man im Leid Sinn erleben kann, antwortet Jehuda:

»Das Leiden kann sinnvoll sein, wenn es einen so tief ergriffen hat, dass es bis zu den Wurzeln des Seins geht. Und da kann man ein viel tieferes Verständnis bekommen für den anderen, für den Mitmenschen. Auf diese Weise bringt das Leiden wie ein Katalysator etwas hervor, was man im gewöhnlichen Leben vielleicht erst am Ende des Lebens erreichen kann. Und wenn man es so tief erlebt, dann kann es einen transzendenten Sinn bekommen.«

Leiden wird schließlich jeder von uns, und ich bin der Meinung, dass es nicht schadet, vom mehrfach instandgesetzten, aber witterungsbeständigen Schiff unserer Gesundheit auf das Meer zu schauen, in dem wir uns fortbewegen.

Wenn wir die Beschaffenheit, und mit ihr den Wellengang, so wie etwaige Eisberge kennen, wird es uns leichter fallen, letzten Endes im Hafen unseres Daseins einzulaufen.

Ich könnte noch stundenlang über Passagen von »Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden« sinnieren.

Die Lesung wirkt noch nach vier Tagen in dem Maße, dass ich seit Langem in einer Nacht voller Leidenschaft am Laptop sitze und schreibe.

Seit der Lesung habe ich Teile des Buchs erneut gelesen und vertieft.

In seinem Werk stellt Manfred Lütz die Frage nach dem Sinn des Lebens, worauf Jehuda entgegnet, dass es einen Sinn des Lebens gäbe, aber in dem Moment, wo wir versuchen würden, ihn in Worte zu fassen, sei er nicht mehr da.

Ich denke, dass man dem Sinn des Lebens nahe kommen kann, wenn man das Buch liest, aber nur unter der Voraussetzung, dass man die Erkenntnisse in sein Herz lässt.

One thought on ““Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.””

  1. Toller Artikel. Interessante Gedanken. Die Lesung hat dich ja sehr beeindruckt und bewegt. Mal ein ganz anderes Thema von Manfred Lütz. Ein Thema über das man auch reden sollte. Leider ist es aber für einige immer noch ein Thema über das man nicht spricht.
    Natürlich ist das schwere Kost. Man denke nur an den Film “Schindlers Liste”, den ich selber auch schon gesehen habe, oder diverse Filme über Adolf Hitler wie “Der Untergang”. Ich finde es wichtig zu wissen was damals im 2. Weltkrieg passiert ist. Davor kann und sollte man nicht die Augen verschließen.

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