Wie man dadurch, dass man Zeit verliert, Zeit gewinnt.

Jeder, der arbeitet, weiß, wie durchgetaktet der Alltag eines Chefs, eines Angestellten oder eines Selbstständigen ist. Termine. Termine. Termine. Zeitmanagementkurse, die helfen, möglichst viele Aktivitäten auf einem engen Raum unterzubringen, sind ebenso beliebt wie Entspannungskurse, die die Leistungen im Betrieb erhöhen, um noch mehr, um noch schneller Leistung zu erbringen.

Nach Feierabend geht es weiter. Essen kochen. Kinder versorgen. Computerspiele zur erhofften Entspannung spielen, rechtzeitig damit aufhören, um die Lieblingsfernsehsendung zu schauen, um die E-Mails zu checken, um Facebooknachrichten zu lesen und um Statusmeldungen zu posten. Ein Schrei in die Welt, eine Hoffnung, wahrgenommen zu werden, um Teil eines immer schnelleren, digitalisierteren Ganzen zu sein, ein Schrei in eine Welt, die so schnell atmet, dass die Unmengen von Buchstaben, die in ihr pulsieren, stumpf an den Computern, Handys und Tablets widerhallen und vom Sog der Zeit verschluckt werden. Vom Sog einer Zeit, die so schnell ist, dass selbst Gedanken in Vergessenheit geraten, bevor sie reif für die Ernte sind, unterbrochen von neuen, hämmernden Informationsblöcken, die uns überall begegnen. An Flachbildschirmen von U-Bahnen, Plakaten an Litfaßsäulen und lächelnden Politikern in Nachrichtensendungen. Wir bewegen uns nicht mehr selber, wir stehen still und die Zeit rast an uns vorbei. So temporeich, dass wir nicht einmal sehen, wer oder was uns über den Weg läuft. Wir atmen durch, wenn ein durchorganisierter Kalender einen Puffer von 20 Minuten übrig lässt. In der Zeit trinken wir eine Tasse Kaffee und denken schon an die nächsten Aufgaben, planen die Durchführung unserer unmittelbaren Vorhaben.

Was wäre, wenn man die Zeit anhalten könnte, nur die Zeit, sodass man sich selber einen Überblick verschaffen kann – über das, was um einen herum passiert, um zu sehen, wie es den Menschen, die man liebt und die man achtet, geht?

Was wäre, wenn alle Verpflichtungen so lange aufhören würden zu sein, bis man selber wieder merkt, was im Leben wichtig ist, und was einem selber guttut? Liefe die Zeit dann weiter, würden wir dann anders handeln?

Würden wir zu Fuß in die Stadt gehen, um zu beobachten, wie die Sonne nach wolkenverhangenen Tagen ein Tor durch die Wolkendecke brennt? Um wahrzunehmen, wie der Sommer im Kampf gegen die Kälte beginnt, wieder die Oberhand zu gewinnen?

Würden wir die Kopfhörer unserer Smartphones oder MP3-Player abnehmen, um zu lauschen, wie sich Stille anfühlt? Wie sie uns einlädt zur Verschmelzung mit unseren Werten, unseren Träumen, unserem Sein?

Von abertausenden Gedanken, die tagtäglich durch die Hochgeschwindigkeitsautobahn unseres Lebens jagen, sehen wir nur die Nuancen, die sich zu einem Bild verschmelzen, das sichtbar für andere wird und durch den Spiegel des Fremdbildes auf uns zurückgeworfen wird.

Was ist mit den anderen Gedanken, die im Hintergrund unseres Bewusstseins ihr Dasein fristen? Mit den Gedanken, die durch das Tempo unserer Umgebung verdrängt werden wie unliebsame Gäste in einem überfüllten Theater?

Nur einmal »STOP« sagen, nur einmal die Langsamkeit bejahen, nur einmal die Vielzahl unserer Gedanken einfangen, indem wir die Lautsprecher um uns ausschalten, indem wir in uns hineinhorchen wie in eine Meeresmuschel, vielleicht wissen wir dann am ehesten, warum wir hier sind, vielleicht wissen wir dann um die Tiefe unseres Daseins. Womöglich erkennen wir dann, dass, wenn wir auch mal nichts tun, wir nicht wertvolle Zeit verlieren, sondern kostbare Zeit gewinnen, die uns unser Sein am ehesten begreifen lässt.

Ähnlich, wie ein mit dicht nebeneinander gepflanzten Blumen gestaltetes Beet, in dem lauter verheißungsvolle Samen gesät werden, und in dem sich die Pflanzen das Licht, die Luft wegenehmen und sich gegenseitig behindern, untergraben wir uns in der Fülle von verheißungsvollen Plänen, wir sehen unsere zahlreichen Tagesordnungspunkte nicht mehr im Licht erstrahlen, weil die Masse untereinander ein Schattennetz bildet, in dem wir nicht mehr genug Luft bekommen, um uns von den Verzahnungen unserer Aufgaben zu erholen. Unser Selbst verendet.

Wenn wir weniger Verpflichtungen festsetzen würden, wenn wir nicht jeder neuen Information nacheifern, wenn wir uns auch mal der Stille, der inneren Ruhe hingeben würden, dann könnte unser Selbst gedeihen und prächtig erblühen, im Einklang mit unseren Mitmenschen und unseren Werten, ein Bild auf die Leinwand unseres Lebens projizierend, das uns dem Sinn und der Freude unseres Lebens näher bringt.

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