Katharsis

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Liebe LeserInnen,

in der Psychologie bedeutet Katharsis »psychische Reinigung«.

Wer kennt das nicht?

Momente im Leben, in denen man ordentlich durchgeschüttelt wird. Innere Konflikte und verdrängte Gefühle legen den Turboschleudergang ein, man gerät in einen Sog und verliert sich darin. Erneutes Verdrängen ist eine Möglichkeit. Die andere ist Ausleben und Loslassen. Damit meine ich nicht das Zerkleinern der Wohnungseinrichtung. Nein. Die wilde und zugleich sanfte Methode, die ich bevorzuge, ist, die ganze Scheiße ungehemmt aufzuschreiben, sodass die Seele zu beben beginnt.

Ich habe es einige Male probiert. Manchmal schrieb ich dreißig Minuten, manchmal bis zu einer Stunde. Mit der Zeit brach der Ballast auseinander und löste sich auf – wie schäumende Wellen an einem Strand. Dann hielt ich inne und konzentrierte mich für eine Weile auf die Atmung. Meine Gedanken waren ruhiger geworden, kamen und gingen wie sanfte Strömungen. Schließlich schloss ich den Text mit einem Resümee ab. Oft war es der wertvollste Gedanke, der aus der Reinigung hervorging. Nun las ich den Text zum ersten Mal und markierte mir die Passagen, die mir besonders guttaten.

Nach einigen Tagen ist es spannend, die niedergeschriebenen Gefühlsexplosionen nochmals zu lesen, in einer Situation, in der man zu den Problemen Abstand hergestellt hat. Diese Erfahrung steigert das Selbstwertgefühl, weil man einen Sturm überstanden und Selbstvertrauen für die kommenden Turbulenzen gewonnen hat.

Diese Inspiration für das reinigende Schreiben habe ich aus dem Buch »Federleicht« von Barbara Pachl-Eberhart übernommen. Das Buch schlägt eine Brücke zwischen therapeutischem und literarischem Schreiben. Es ist eines meiner Lieblingsbücher und ich empfehle es jedem Schreibbegeisterten und jenen, die es werden wollen.

Träumt, lest und schreibt schön!

Euer Seastian

Schmetterlingsphilosophie

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Liebe LeserInnen,

ein Schneeballtext beginnt mit einem Satz, bestehend aus einem Wort. Jeder Satz wird um ein Wort länger, bis er acht Wörter umfasst. Danach wird der Schneeball wieder kleiner, es folgt ein Satz mit sieben Wörtern, einer mit sechs, bis zum letzten Satz, der wieder ein Wort lang ist. Grammatik spielt dabei keine Rolle. Auch Zeilenumbrüche sind nicht erforderlich.

Ich wünsche euch einen wunderbaren Sonntag und schenke euch meinen ersten Schneeball:

Sonntag. Resümee ziehen. Seele baumeln lassen. Kopf leeren, sorgfältig auffüllen. Vorfreude, weitere Fortschritte zu machen. Als Autor, als Mensch, als Weltverbesserer. Was gibt es Neues zu entdecken, Welt? Ich will meine Komfortzone verlassen und mich entfalten. Der Kokon ist nicht Gefängnis, sondern Kraftraum. Ich baue Muskeln auf, durchdringe Wand. Kräftige Flügelschläge tragen mich empor. Den Kokon behüte ich. Für kraftraubende Gefahren. Als Rückzugsort. Schmetterlingsphilosophie.

Wollt ihr es auch mal versuchen?

Träumt, lest und schreibt schön!

Euer Sebastian

Book & Breakfast! Zeig uns, wie du deinen Sonntagmorgen beginnst. Zufälligerweise mit einem guten Buch und einem leckeren Frühstück?

Tag 13

Liebe LeserInnen,

ich gönne mir kein Frühstück, das dem Sonntag etwas Festliches verleihen würde.

An einigen Sonntagen besuche ich morgens den Gottesdienst einer freien evangelischen Gemeinde, die ich schätze. Die Gottesdienste geben mir Impulse, die mir helfen, die Perspektive zum Alltäglichen zu verändern, als würde ich wie ein Kameramann das Aufnahmegerät von einer anderen Seite aufs Geschehen lenken. Das hat oft zu neuen Blickwinkeln geführt, und ich habe nicht nur neue Facetten des Daseins gesehen, manchmal wurde die Auflösung des Films »The life« sogar schärfer.

Wenn mich Menschen fragen, wie ich zu Gott stehe, sage ich: »Uns verbindet ein Gummiband, das sich in Phasen des Lebens immer wieder ausdehnt und dann zusammenzieht, dass ich das Gefühl habe, neben ihm zu sein. Egal, wie sehr das Gummiband auch strapaziert wird: Es reißt nicht.«

Ich bin kein regelmäßiger Kirchengänger, aber ich will ein mal in der Woche mein System herunterfahren und neu starten. Unnötige Hintergrundprogramme möchte ich deaktivieren, die Lautsprecher abschalten und Stille zulassen.

Heute habe ich seit Langem laut gebetet, und mir ist klar geworden, dass das Leben für mich wie eine riesige Halle ist, von der aus Türen über Gänge in andere Gebäudekomplexe führen. 59|Im Gebet habe ich erkannt, dass ich einen Zeitpunkt der Meditation brauche, damit ich herausfinden kann, welche Türen sich in der Halle befinden und welche ich in der nächsten Woche schließen und öffnen möchte, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was für Schwellen ich überschreiten sollte, um Neues kennenzulernen und Altes zu vertiefen.

Ich will hier niemanden missionieren. Wer nicht an Gott glaubt, könnte sich schlicht Zeit zur Stille reservieren und die Weichen für kommende Tage stellen. Ich finde, dazu eignet sich der langsame Sonntag gut, einen Tag, bevor die Zeit wie ein Schnellzug durchs Leben rast.

Schon wieder habe ich etwas gemogelt. Die Frage war ja nicht, wie ich mir einen Sonntagmorgen vorstelle und warum, sondern wie mein Sonntagmorgen verläuft. Ich denke, alle drei Fragen beantwortet zu haben, schadet keinem.

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian

Der geheimnisvolle Wallfahrtsort

Liebe LeserInnen,

ich möchte euch etwas über einen geheimnisvollen Wallfahrtsort erzählen.

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Zu dem Pilgerort reisen täglich hunderte Menschen. Die eine Hälfte der Anreisenden trägt rote, die andere blaue Kleidung. Die beiden Personengruppen respektieren sich, halten aber Abstand zueinander. Viele von ihnen waren krank gewesen, und einige von ihnen erfuhren an dem Ort Heilung. Das machte die Runde, sodass der Ort bekannter wurde als der Eifelturm in Paris.

Zum Entsetzen der Menschen werden sowohl die roten als auch die blauen Pilger immer kränker.

Zudem sammelt sich Müll auf den Straßen, es mangelt an Essen, Wasser und Sitzgelegenheiten. Das Personal im ansässigen Kloster kann wegen der Überforderung nicht einmal die Hygienevorschriften einhalten. Keime breiten sich aus.

Ein Verwalter des Ortes, ein Mönch stellt sich auf den großen Platz des Klosters und lässt sich von seinen Brüdern berichten, was in diesem heiligen Dorf geschehen ist.

»Alle Pilger sollen noch heute den Ort verlassen. Für ein Jahr darf niemand mehr zu uns kommen.« Er schritt zurück ins Gebäude, ohne sich zu seinen Brüdern noch mal umzuwenden.

Es geschah, wie es geschehen sollte.

Noch an diesem Tag verließen die roten und blauen Pilger den Ort.

Am nächsten Morgen kehrte der Mönch zu seinen Brüdern zurück.

»Versorgt nun vormittags die Tiere, bestellt die Felder, gießt die Pflanzen, reinigt die Häuser. Bis zum nächsten Morgen tut ihr dann nichts außer zu essen, zu trinken, zu beten und zu schlafen.«

Die Tiere gewannen an Kraft, auf den Feldern gediehen Getreide und Pflanzen prächtig, in den Häusern wich der Schmutz und es entstand eine heimelige Atmosphäre.

In dem Jahr wuchs der Wallfahrtsort zu dem schönsten Ort auf der ganzen Welt.

Als das Jahr vorüber war, schritt der Mönch wieder auf den großen Platz und sagte:

»Öffnet die Tore für Pilger, lasst aber nur jede Stunde zwei herrein. Einen Roten und einen Blauen. Sie sollen jeweils am gleichen Tisch ihre Mahlzeiten einnehmen.«

Von nun ans freundeten sich die roten mit den blauen Pilgern an, geheilt wurden mehr Menschen als je zuvor.

 

Vielleicht denkt der eine oder andere Leser jetzt: »Ist Sebastian jetzt total übergeschnappt?«

Das würde zum Teil stimmen, bei dieser Geschichte habe ich mir jedoch was gedacht.

Ich las heute in einem Buch (»Traut euch zu denken« von Ernst Pöppel und Beatrice Wagner) davon, dass Denken komplementär sei. Ratio und Gefühl bedingen einander, ebenso wie Bewusstsein und Unterbewusstsein. Es ließen sich zahlreiche Gegensätze finden.

1983 hatten die Sowjetunion und die USA mehrere Hundert Atomraketen aufeinandergerichtet, als das russische Raketenabwehrsystem signalisierte, dass eine Nuklearrakete von den Amerikanern auf Russland abgefeuert wurde.

Für diesen Fall war das Vorgehen geregelt:

Der Angriff musste gemeldet, der vernichtende Gegenschlag umgesetzt werden.

Der verantwortliche Oberst missachtete die Befehle für diesen Fall. Statt dessen tauchte vor seinen Augen das Bild eines Wassereimers auf, den jemand mit einem Löffel ausleeren möchte. Mit anderen Worten: Die Amerikaner würden niemals nur eine Rakete abfeuern, sie würden alle auf die Reise schicken. Selbst als das Abwehrsystem den Start von anderen Raketen zeigte, verließ sich der Oberst auf die Intuition. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm handelte. Der Instinkt des Oberstes verhinderte somit den dritten Weltkrieg.

Zum Glück müssen wir keine Entscheidungen treffen, von denen ein Weltkrieg abhinge. Aber unseren Instinkt zu fördern, zu entwickeln, wäre doch nicht übel, oder?

Nur, wie geht das?

Die Autoren von »Traut euch zu denken« empfehlen, sich von seiner eigenen Zeit eine Stunde für die Muße zu stehlen, damit die Intuition Raum bekommt, sich wieder entfalten zu können.

Wenn nicht für eine Stunde, wie wäre es, wenn wir uns zehn Minuten am Tag Zeit nehmen würden, um nichts zu tun. Handy aus. Radio, Fernsehen, Laptop, Licht, alles aus. Dann in sich hineinhorchen, was passiert.

Dieser Vorschlag, sich eine Stunde zu stehlen, inspirierte mich zu obiger Geschichte.

Die roten Pilger stehen für die Gefühle, die blauen für die Gedanken.

Der Pilgerort stellt unseren Kopf dar, der nach einer Ruhepause von Sinneseindrücken, Gedanken, und Gefühlen nicht nur entspannter, sondern auch ertragreicher ist. Dadurch, dass die Sinneseindrücke nicht mehr lawinenartig einströmen, hat die Seele Zeit, den Körper einzuholen.

Unsere Gedanken und Gefühle essen zusammen am Tisch und helfen sich gegenseitig. Ratio und Gefühl arbeiten im Team.

So, nun habe ich erst mal genug geschrieben.

Ich werde jetzt für eine Stunde meinen Pilgerort leeren.

Schreibt, lest und pilgert schön! 😉

Euer Sebastian

Für wen schreibe ich?

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Liebe LeserInnen,

manche Fragen tauchen immer wieder an der Oberfläche meines Bewusstseins auf.

Der Frage, warum ich schreibe, bin ich mehrfach begegnet: In der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, bei befreundeten Autoren. Aber damit nicht genug. Auch ich habe mit vertrauten AutorInnen diese Frage erörtert. Last but not least, erscheint sie gelegentlich von selbst, wie ein treuer Hund, der sich im Gelände ausgetobt hat, aber immer wieder mit loyalem und erwartungsvollen Blick zurückgekehrt ist.

Als Autor gibt es eine ganze Reihe von Themen, die mich auf diese Weise öfter aufsuchen.

Ich erinnere mich an Texte, bei denen ich der Kritik ausgesetzt war, alte Themen erneut gewälzt zu haben.

Hattet ihr mal einen Fleck auf einem Kleidungsstück, der partout nicht schwinden wollte? Was habt ihr gemacht?

Ihr habt womöglich das Waschprogramm verändert, ein anderes Waschpulver oder Fleckenentferner verwendet.

In gar nicht so seltenen Fällen ist der Fleck von Waschgang zu Waschgang blasser geworden, nicht wahr? Ich wette mit euch, dass er manchmal ganz verschwunden ist.

Genau so verhält es sich mit der reinigen Kraft des Schreibens.

Asche auf mein Haupt. Um die Ausgangsfrage »Warum schreibe ich« zu beantworten, habe ich weit ausgeholt.

Während meiner Schreibanfänge dachte ich, mir ginge es darum, die Welt ein wenig zu verbessern, und das ist mir auch heute noch ein wichtiges Anliegen (www.tintenkuenstler.de/kann-ein-autor-die-weilt-veraendern). In Wahrheit habe ich von Anfang an für mich selbst geschrieben, in dem ich Verletzungen und Bereiche meines Lebens – stark verfremdet – bearbeitet habe. Oftmals ist mir erst mit Abstand bewusst geworden, was bei einigen Texten nach oben gespült worden war.

Will heißen: Ich wollte andere Menschen im Herzen berühren, was mir zum Teil gelungen ist, die stärkste Wirkung habe ich aber im Gewässer meiner Seele verspürt. Die Oberfläche entspannte sich immer mehr, selbst in schwierigen Phasen der Erschöpfung halfen mir Gedichte und kurze Texte, um zur Ruhe zu kommen.

Mittlerweile glaube ich, dass jeder Autor in sich selbst mit jeder Geschichte, jedem Blogbeitrag, jedem Roman und jedem Gedicht einen Waschgang einlegt. Meist verblassen die Flecken, manchmal verschwinden sie vollständig.

Der Frage »Für wen schreibe ich« hat sich auch Haruki Murakami gestellt, ein japanischer Schriftsteller, der mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert wurde. Ich schätze ihn und seine Werke sehr.

In dem Buch »Von Beruf Schriftsteller« schrieb Murakami:

»In Wahrheit schreibe ich vor allem für mich selbst … Ich frage mich, ob ich mich nicht auch gewissermaßen »selbst therapiere«. Denn jede kreative Beschäftigung schließt mehr oder weniger das Vorhaben ein, sich zu verändern. In dem man sein Ich relativiert und die eigene Psyche zu anderen Formen in Beziehung setzt, werden verschiedene Widersprüche, Brüche und Zerrbilder, die sich im Laufe eines Lebens unweigerlich eingestellt haben, aufgelöst oder sublimiert. Wenn alles gut geht, teilt man das Geschehen mit dem Leser …« (“Von Beruf Schrifsteller”, erste Auflage 2016, ISBN 978-3-8321-9843-5 S. 185, 186)

Ich kenne einige Autoren, bei denen sich das genauso wie beschrieben zugetragen hat. Das Schreiben hat in ihnen heilende Prozesse in Bewegung gesetzt.

Im therapeutischen Bereich werden das Schreiben von Texten (auch Poesietherapie genannt) ebenso wie die Bibliotherapie (gezielt werden Romane gelesen, die zu eigenen Verletzungen passen und den psychischen Heilungsprozess fördern) immer noch nicht als vollwertige Therapieform anerkannt.

Wir hinken in dieser Beziehung anderen Ländern hinterher.

Danke für eure Aufmerksamkeit!

Schreibt und lest schön!

Euer Sebastian

 

Kann ein Autor die Welt verändern?

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Liebe LeserInnen,

 

kann ein Autor die Welt verändern?

dieser Frage ging Ronny Rindler auf https://www.rindlerwahn.de/die-welt-veraendern/ nach. In seinem wertvollen Beitrag geht der Autor und Schreibcoach auf einen wichtigen Aspekt ein:

Selbst, wenn man mit seinen Texten nicht viele Leser erreicht, verändert man sich dank des Schreibens selbst. Und wenn man sich selbst verändert, verändert man auch seine Wirkung auf das Umfeld, dem man begegnet. Das mag sich hochtrabend anhören, aber ich rede hier nicht davon, Massenbewegungen auszulösen, ich rede von einem kleinen, bescheidenen Beitrag, den man als Autor leisten kann.

Dieser kleine Beitrag ist einer der Gründe, warum ich schreibe. Jeder Autor hat Lieblingsthemen, die in Werke Einzug finden.

In meinen Texten sind Attribute wie Empathie, Toleranz und Vergebung sowie Themen wie Wertschätzung, Freundschaft, Liebe, der Umgang mit Verlusten und Verletzungen Laternen, die die Straßen meiner Texte beleuchten.

Wenn ich mich in der fiktionalen Welt damit auseinandersetze, kann ich die Resultate der gedanklichen Diskurse in die Wirklichkeit übertragen. Diesen Effekt habe ich schon des Öfteren erfahren.

Es gibt ein Zitat von Gandhi, das ich passend finde:

»Als Menschen liegt unsere Größe nicht in dem, wie wir die Welt erneuern können, das ist ein Mythos des Atomzeitalters, sondern in dem wir uns selber erneuern.«

Das ist eine Weisheit, die man in wenigen Sekunden lesen und vergessen kann.

Das wäre ebenso vernünftig wie Jura zu studieren und das Grundgesetz dabei wie ein Boulevardmagazin durchzublättern, um es danach achtlos wegzuschmeißen.

In dem Satz steckt eine Substanz, über die es sich nachzudenken lohnt.

Meiner Meinung nach.

Andere Können wir nicht ändern, aber wir können uns selbst verändern.

Wenn man schreibt, durchdenkt man Zusammenhänge tiefer, als wenn man drüber redet und denkt.

Alleine deswegen lohnt sich das.

Ich glaube, dass viele Autoren das für sich herausgefunden haben, Autoren, die weiterschreiben, egal, wie groß der Publikumserfolg ist.

Ich möchte mit einem Aphorismus schließen, den ich mir mal überlegt habe:

»Mit dem Verstand können wir versuchen, die Welt zu verstehen. Mit Fantasie werden wir sie verändern.«

Euer Sebastian

Sind Träume nur was für Verrückte?

Liebe LeserInnen,

heute traue ich mich was. Ich glaube nämlich, Persönliches von euch zu wissen: Ihr alle hattet in eurem Leben Träume, etwas Außergewöhnliches zu erleben oder lernen zu wollen, und heute blitzten diese Träume immer noch wie die Erinnerungen an unerfüllte Liebe im Bewusstsein auf.

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Nun die nächste gewagte These: Mehr als die Hälfte von euch hat die Träume nicht gelebt.

Ich erzähle Unfug? Dann beweist mir das Gegenteil, und schildert mir per Mail von euren verwirklichten Träumen (sebastian.domke@tintenkuenstler.de).

In diesem Beitrag gehe ich davon aus, dass ich recht habe, und die meisten ihre Träume im Wohnzimmer des Geistes wie Requisiten mit sich führen.

Aber woran liegt das, dass wir wertvolle Jahre ins Land ziehen lassen, ohne uns zu trauen, unseren Sehnsüchten nach zu gehen?

Ich glaube, das hängt mit unserer Komfortzone zusammen.

Wenn wir Neues versuchen, ist das zunächst mal anstrengend und verursacht ein Gefühl der Unsicherheit.

Das trifft wohl auf alles zu, was unsere gewohnten Routinen durchbricht.

Wenn wir z. B. ein Fahrrad gekauft haben und uns schöne Orte in der Natur erschließen, sammeln wir nicht nur inspirierende Eindrücke, wir helfen uns sogar zu einer besseren Physis und Gesundheit. Wir müssen nicht gleich eine Fahrradtour durch Europa machen, um das zu erleben.

Unser Gehirn weigert sich oft überzeugend, bis wir zu solchen Erfahrungen gelangen.

Die gute Nachricht ist: Wenn wir uns darauf einlassen, neue Erfahrungen zu sammeln, erweitern wir unser Spielfeld und werden reicher an Sinneseindrücken, Impulsen und Glück. Denn frischer Wind führt oft zu einem größeren Glücksempfinden.

Warum schreibe ich über die Komfortzone, wenn es doch um Träume geht? Ich denke, um Träume zu verwirklichen, muss man seine Komfortzone verlassen.

Das ist schön und gut, mag der kritische Leser einwenden, aber funktioniert das auch so einfach bei Projekten und Lernvorhaben?

Hierbei gibt es ein Problem, und das betrifft den Scheinwerfer, der hinter uns Erfahrungen beleuchtet.

Das hat schon Konfuzius erkannt:

»Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.«

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Daraus kann sich ein Beschwernis ergeben, auf das ich eingehen möchte.

Wie sahen eure Klassenarbeiten aus, wenn ihr sie zurückbekommen habt?

Richtig, voller Anmerkungen mit Rotstift.

In unserem Schulsystem wurde zu meiner Zeit, heute ist es wohl immer noch so, der Scheinwerfer auf Fehler gerichtet und sehr selten Lob für Fortschritte und Gelungenes verteilt.

Was war und ist die Folge?

Genau, wir haben daraus gelernt, den Scheinwerfer auf unsere Defizite, unsere Fehler zu lenken. Ein Problem in unserer Gesellschaft, das zur Folge hat, dass zwanghaft Perfektion gesucht wird, begleitet mit der Angst zu versagen.

Wer von uns spürt nicht den Druck zu scheitern oder die Angst vor Fehlern?

Der Strahler, der einen Großteil unseres bisherigen Lebens beleuchtet hat, ist in der Verankerung etwas eingerostet. Deswegen möchte ich euch einladen, Hände, Füße und wenn nötig Zähne einzusetzen, ihn in eine andere Richtung zu schwenken. Hin zu euren Stärken, euren Erfolgen und zu eurer Freude über das, was ihr könnt und gemeistert habt.

Je länger der Scheinwerfer die Sonnenseite eurer Projekte und eures Lebens beleuchtet, desto mehr Inspiration werdet ihr geschenkt bekommen. Wahrnehmung vermögt ihr zu lenken, Wahrnehmung könnt ihr trainieren.

Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich den Scheinwerfer drehen konnte. Seither schaffe ich es erstmals, an einem Projekt wie meinem Roman zu arbeiten – lange ein Lebenstraum von mir.

Natürlich fallen mir immer wieder Unzulänglichkeiten auf, aber sie sind verschleiert und belasten mich nicht besonders. Meine Fortschritte hingegen erstrahlen im Licht.

Welche Konsequenz hat das für meine Arbeit?

Ich genieße den Schaffensprozess regelrecht. Ich genieße es, Schöpfer einer Welt mit Figuren zu sein, mit denen ich hasse, liebe, leide und träume – mit dem angenehmen Nebeneffekt, mich als Mensch dabei weiterzuentwickeln.

Der Scheinwerferschwenk hat mir Schaffensfreude geschenkt, ohne die Gier zu verspüren, die Massen begeistern zu müssen. Natürlich freue ich mich, wenn ich Leser im Herzen erreiche, aber ob das 5 oder 5000 Sind, ist für mich nicht das, worauf es ankommt.

Da ich manchmal erschöpft bin, gibt es Phasen, in denen mein Roman sehr langsam wächst. Ein Autor, den ich schätze, sagte zu mir: »Wachstum ist immer gut«, egal, wie langsam oder schnell man vorankommt. Sicherlich auch eine ungewohnte Sichtweise in unserer Leistungsgesellschaft. Natürlich gibt es Lebenssituationen und Beschäftigungsverhältnisse, in denen man unter Druck funktionieren muss. Allen Betroffenen möchte ich raten, als Konsequenz die Freizeit angenehmer zu gestalten.

Aber wie konkret könnt ihr einen Scheinwerfer in eine andere Richtung lenken?

Z. B., indem ihr ein Erfolgstagebuch führt, das stichpunktartig Meilensteine und kleine Fortschritte festhält.

58| Oder ihr redet über eure Entwicklung mit Familie und Freunden und erzählt Gott davon.

Fallen euch wirksamere Methoden ein? Schreibt mir davon, wenn ihr mögt.

Wem das zu weit geht, möchte ich eine weitere Variante empfehlen:

Am Ende des Tages dürft ihr innehalten und bewusst über das fünf Minuten resümieren, was ihr gut hinbekommen und welche positiven Sinneseindrücke ihr erfahren habt. Ich schlage vor, dass ihr in dieser Zeit äußere Reize wie Geräusche und Licht abschaltet und euch von den Medien entkoppelt.

Was meint ihr: Sind Träume nur was für Verrückte?

Ich glaube, Träume sind für uns alle wichtig, und manchmal muss man ein wenig verrückt sein, um sie umzusetzen.

Hierzu fällt mir ein Zitat von Vincent van Gogh ein:

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.

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Träumt und lebt schön!

Euer Sebastian Domke

Wie man dadurch, dass man Zeit verliert, Zeit gewinnt.

Jeder, der arbeitet, weiß, wie durchgetaktet der Alltag eines Chefs, eines Angestellten oder eines Selbstständigen ist. Termine. Termine. Termine. Zeitmanagementkurse, die helfen, möglichst viele Aktivitäten auf einem engen Raum unterzubringen, sind ebenso beliebt wie Entspannungskurse, die die Leistungen im Betrieb erhöhen, um noch mehr, um noch schneller Leistung zu erbringen.

Nach Feierabend geht es weiter. Essen kochen. Kinder versorgen. Computerspiele zur erhofften Entspannung spielen, rechtzeitig damit aufhören, um die Lieblingsfernsehsendung zu schauen, um die E-Mails zu checken, um Facebooknachrichten zu lesen und um Statusmeldungen zu posten. Ein Schrei in die Welt, eine Hoffnung, wahrgenommen zu werden, um Teil eines immer schnelleren, digitalisierteren Ganzen zu sein, ein Schrei in eine Welt, die so schnell atmet, dass die Unmengen von Buchstaben, die in ihr pulsieren, stumpf an den Computern, Handys und Tablets widerhallen und vom Sog der Zeit verschluckt werden. Vom Sog einer Zeit, die so schnell ist, dass selbst Gedanken in Vergessenheit geraten, bevor sie reif für die Ernte sind, unterbrochen von neuen, hämmernden Informationsblöcken, die uns überall begegnen. An Flachbildschirmen von U-Bahnen, Plakaten an Litfaßsäulen und lächelnden Politikern in Nachrichtensendungen. Wir bewegen uns nicht mehr selber, wir stehen still und die Zeit rast an uns vorbei. So temporeich, dass wir nicht einmal sehen, wer oder was uns über den Weg läuft. Wir atmen durch, wenn ein durchorganisierter Kalender einen Puffer von 20 Minuten übrig lässt. In der Zeit trinken wir eine Tasse Kaffee und denken schon an die nächsten Aufgaben, planen die Durchführung unserer unmittelbaren Vorhaben.

Was wäre, wenn man die Zeit anhalten könnte, nur die Zeit, sodass man sich selber einen Überblick verschaffen kann – über das, was um einen herum passiert, um zu sehen, wie es den Menschen, die man liebt und die man achtet, geht?

Was wäre, wenn alle Verpflichtungen so lange aufhören würden zu sein, bis man selber wieder merkt, was im Leben wichtig ist, und was einem selber guttut? Liefe die Zeit dann weiter, würden wir dann anders handeln?

Würden wir zu Fuß in die Stadt gehen, um zu beobachten, wie die Sonne nach wolkenverhangenen Tagen ein Tor durch die Wolkendecke brennt? Um wahrzunehmen, wie der Sommer im Kampf gegen die Kälte beginnt, wieder die Oberhand zu gewinnen?

Würden wir die Kopfhörer unserer Smartphones oder MP3-Player abnehmen, um zu lauschen, wie sich Stille anfühlt? Wie sie uns einlädt zur Verschmelzung mit unseren Werten, unseren Träumen, unserem Sein?

Von abertausenden Gedanken, die tagtäglich durch die Hochgeschwindigkeitsautobahn unseres Lebens jagen, sehen wir nur die Nuancen, die sich zu einem Bild verschmelzen, das sichtbar für andere wird und durch den Spiegel des Fremdbildes auf uns zurückgeworfen wird.

Was ist mit den anderen Gedanken, die im Hintergrund unseres Bewusstseins ihr Dasein fristen? Mit den Gedanken, die durch das Tempo unserer Umgebung verdrängt werden wie unliebsame Gäste in einem überfüllten Theater?

Nur einmal »STOP« sagen, nur einmal die Langsamkeit bejahen, nur einmal die Vielzahl unserer Gedanken einfangen, indem wir die Lautsprecher um uns ausschalten, indem wir in uns hineinhorchen wie in eine Meeresmuschel, vielleicht wissen wir dann am ehesten, warum wir hier sind, vielleicht wissen wir dann um die Tiefe unseres Daseins. Womöglich erkennen wir dann, dass, wenn wir auch mal nichts tun, wir nicht wertvolle Zeit verlieren, sondern kostbare Zeit gewinnen, die uns unser Sein am ehesten begreifen lässt.

Ähnlich, wie ein mit dicht nebeneinander gepflanzten Blumen gestaltetes Beet, in dem lauter verheißungsvolle Samen gesät werden, und in dem sich die Pflanzen das Licht, die Luft wegenehmen und sich gegenseitig behindern, untergraben wir uns in der Fülle von verheißungsvollen Plänen, wir sehen unsere zahlreichen Tagesordnungspunkte nicht mehr im Licht erstrahlen, weil die Masse untereinander ein Schattennetz bildet, in dem wir nicht mehr genug Luft bekommen, um uns von den Verzahnungen unserer Aufgaben zu erholen. Unser Selbst verendet.

Wenn wir weniger Verpflichtungen festsetzen würden, wenn wir nicht jeder neuen Information nacheifern, wenn wir uns auch mal der Stille, der inneren Ruhe hingeben würden, dann könnte unser Selbst gedeihen und prächtig erblühen, im Einklang mit unseren Mitmenschen und unseren Werten, ein Bild auf die Leinwand unseres Lebens projizierend, das uns dem Sinn und der Freude unseres Lebens näher bringt.

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Schreibspiele

Wie besprochen stelle ich heute einige Ideen für Schreibspiele vor, die uns z. B. bei der Lösung von Problemen helfen können.

All denjenigen, die jetzt aufstöhnen und sagen: »Schreiben ist aber nichts für mich«, kann ich mit Freude an dieser Stelle eröffnen, dass Sie die folgenden Übungen auch denkend oder sprechend (z. B. per Aufnahme mit einer Aufnahme-App 23|) durchführen können, wenn Sie sich das Endergebnis notieren.

Wenn es um die Bewältigung von Aufgaben geht, man über das Wissen verfügt, diese zu meistern, höre ich oft den Spruch: »Das ist Kopfsache.«

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Sie haben das bestimmt vielmals bei Sportübertragungen, Prüfungssituationen und anderen Wettbewerben jeglicher Art gehört.

Aber was nützt uns die Erkenntnis, dass es »nur Kopfsache« ist, eine künftige Herausforderung zu bewältigen?

Wie bringen wir unsere Köpfe in eine Verfassung, mit der wir unsere Ziele erreichen können?

Wenn ich hierauf eine allgemeingültige Antwort wüsste und diese verkauft hätte, würde ich mir eine Luxusvilla leisten und diesen Blogbeitrag auf einer wasserdichten Tastatur schreiben – bei 37 Grad Wassertemperatur inmitten meines Whirlpools des zum Anwesen gehörenden Parks.

Es gibt aber in der Tat Verfahren, mit denen man einen anderen Blick auf Probleme bekommen kann, um diese dann besser bezwingen zu können.

Inwieweit uns dabei das Schreiben helfen kann, darauf komme ich gleich zurück.

Zunächst möchte ich Ihnen den Camelot-Effekt vorstellen.

Der Begriff »Camelot-Effekt« begründet sich auf einer Szene des Musicals Camelot.

Merlin fragte, als ein Habicht über ihnen kreiste, seinen Schützling Arthus:

»Was sieht der Habicht, was der junge Arthus nicht sieht?«

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Arthus stellte sich vor, dieser Habicht zu sein, und entdeckte dabei etwas für ihn Neues.

Die Grafschaften in England waren zerstritten, aber mit dem aufgesetzten Kopf des Habichts sah er, dass – von oben betrachtet -, keine Grenzen erkennbar waren. Auf diese Weise reifte in Arthus der Wunsch, England später zu vereinen.

So die Sage, erzählt im Musical »Camelot«.

Klingt das nicht wie esoterischer Hokuspokus? Sich einfach vorzustellen, einen anderen Kopf aufzusetzen?

Ich glaube, dass dies wirklich funktionieren kann.

Als ich mich in meinem Alltag vor Jahren einer Vielzahl von Konflikten ausgesetzt war, stellte ich mir vor, wie mein Großvater damit umgegangen wäre.

Danach wurde ich ruhiger. Da ich den Charakter meines Großvaters gut kannte, habe ich durch das Einnehmen seines Blickwinkels mein Problem anders begutachtet, mit dem Ergebnis, dass ich auf zielführendere Herangehensweisen kam als zuvor.

Die 2011 verstorbene Vera Birkenbihl hatte sich dem »Camelot-Effekt« (der Link führt zu einem Youtube-Video mit Vera Birkenbihl) in einem Seminar gewidmet.

Aber, was um alles in der Welt, werden Sie vielleicht fragen, hat das mit meinen angekündigten Schreibspielen zu tun?

Ich hatte bereits in einem vorherigen Beitrag erwähnt, dass man beim Schreiben intensiver über seine Probleme nachdenkt, dass man in die Tiefe geht, während man oft beim Denken oder Reden nur an der Oberfläche kratzt.

Ein Problem, das uns allen Menschen gemein ist, ist die Sache mit den Konflikten.

Nahezu jeder Mensch gerät in seinem Alltag in Konfliktsituationen. Wer das komplett vermeidet, weil er sich schützen möchte, bei dem werden sich aller Voraussicht nach innere Konflikte verschärfen.

Für mich als Autor sind (zumindest die Konflikte in meinen Geschichten) etwas Wunderbares, weil gerade diese eine Story spannend machen.

Und es ist für mich aufregend, die Perspektive verschiedener Charaktere einzunehmen.

Auch wenn Sie keine Kurzgeschichten oder einen Roman schreiben, kann es Ihnen helfen, eine andere Perspektive einzunehmen, um z. B. zu eingefahrenden Denkmustern Abstand zu gewinnen.

Schreibübung 1:

Sie haben ein Problem, das Ihnen den Schlaf raubt? Ich schlage vor, Sie gehen ihren Familien- oder Freundeskreis durch oder denken über Künstler, Prominente oder Spitzensportler nach, von denen Sie glauben, Sie wären für die Lösung Ihres Problems prädestiniert.

Dann überlegen Sie: Wie würden Frau oder Herr XY über Ihr Problem schreiben, welche Lösungsvorschläge würden sie notieren?

Schreibübung 2:

Sie befinden sich im Konflikt mit einer Person?

Schildern Sie, wenn Sie mögen, den Streitfall aus Sicht der anderen Person.

Wenn Ihnen das unvorstellbar ist, weil Sich alleine schon beim Gedanken daran die Nackenhaare aufrichten, versuchen Sie es doch mit dem Kompromiss und führen Sie schreibend, einen imaginären Dialog mit dieser Person.

Bevor ich zu Schreibübung 3 komme, möchte ich Sie mit der 6-Hüte-Methode, erdacht von dem Autor Edward De Bono, bekannt machen:

Diese Technik wurde für die Verwendung in Gruppen entwickelt, mich brachte sie auf die Idee für

Schreibübung 3:

Der weiße Hut steht für »reine Fakten«.

Der gelbe Hut steht für »optimistisches Denken«.

Der schwarze Hut für »pessimistisches Denken«

Der grüne Hut steht für »ausgefallene Gedankenverbindungen, für Kreativität«.

Der blaue Hut steht für Struktur, Übersicht und Ordnung.

(Das ist die Aufteilung verschiedener Hüte nach De Bonos System.)

Sie haben ein komplexes Problem, Sie müssen eine schwerwiegende Entscheidung fällen?

Dann schlage ich vor, dass Sie sich eine Konferenz vorstellen, in der Sie mit sechs Profis zusammensitzen, die diese sechs Hüte tragen. Schreiben Sie nun in Dialogform auf, wie diese Experten über ihr Problem beraten.

Der Träger des blauen Hutes ordnet die verschiedenen Erkenntnisse und teilt sie Ihnen mit.

Wenn Sie dann noch eine Nacht oder zwei drüber schlafen, können Sie eine Entscheidung fällen, die Sie konstruktiv durchdacht haben.

Ich sehe es förmlich vor mir, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich sagen: »Ich habe gar nicht die Zeit, das alles aufzuschreiben.«  Dieser Einwand wäre sicherlich berechtigt.

Die gute Nachricht ist, dass Sie wie oben vorgeschlagen, diese Übung auch durchführen können, wenn Sie sich vorstellen, die entsprechenden Hüte aufzusetzen und nur das Ergebnis dieses Gedankenspiels notieren.

Ich möchte Sie auch nicht auffordern, jeden Tag wie ein Besessener zu schreiben.

Vielmehr möchte ich Ihnen als Anregungen ein paar Ideen vorstellen, von denen die eine oder andere für Sie funktioniert.

Selbst wenn Sie nur unregelmäßig solche Übungen absolvieren möchten, könnten Sie davon profitieren.

Mich würde das freuen.

Zum Schluss möchte ich auf eine Besonderheit hinweisen, die mir schon mehrere Male widerfahren ist:

Eine Angelegenheit raubte mir den letzten Nerv. Ich wusste, nicht, was ich unternehmen konnte, um mich von diesem Problem zu befreien. Also redete ich mit einem Freund darüber. Der Freund hörte mir zu und sagte bei der Schilderung meiner Sorgen so gut wie nichts.

»Danke, dass du mir bei der Lösung geholfen hast«, sagte ich ihm am Ende meines Monologs, worauf dieser entgegnete: »Danke, aber ich habe doch gar nichts gemacht.«

Umgekehrt, als Zuhörer, habe ich das auch schon des Öfteren erlebt, wie alleine die körperliche Anwesenheit als Zuhörer dazu führte, dass sich das Problem meines Gegenübers gelöst hat.

Oft steckt mehr Substanz in uns, als wir selbst für möglich gehalten hätten.

Was aber, wenn niemand greifbar ist, der uns zuhört?

Für diejenigen, denen Schreibspiel 3 mit der Konferenz zu umfangreich ist, schlage ich nun das folgende Spiel vor:

Schreibspiel 4:

Stellen Sie sich einfach Ihr »Alter Ego« vor, ihr zweites Selbst.

Der Begriff Alter Ego stammt von dem griechischen Philosophen Cicero (44 v. Chr.), der schrieb: »Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst«.

Mein Tipp ist, dass Sie sich vorstellen, einen Dialog mit einer alten weisen Frau oder einem alten weisen Mann zu führen, der Sie als Person aus der Zukunft abbildet, und Sie besser kennt, als Sie sich selbst in der Gegenwart einschätzen können.

Ihr Alter Ego leitet Sie dann durch das Gespräch, das Sie zu Ihrer Problemlösung führt.

Falls Sie einige dieser Ideen ausprobieren sollten, freue ich mich über Feedback, ob Ihnen die Anregungen eine Hilfe waren. Vielleicht haben Sie sogar andere Vorstellungen, die für Sie besser funktionieren.

Über eine E-Mail22| an sebastian.domke@tintenkuenstler.de mit Erfahrungen oder Vorschlägen würde ich mich freuen.

Ein kleiner Nachtrag

Gestern unterhielt ich mich mit einem Bekannten, der meine Blogserie zwar anregend fand, jedoch selber keinen Bezug zum Schreiben hat.

Er kann sich nicht dazu durchringen, sich hinzusetzen und Texte zu verfassen.

Allerdings stellt er sich Fragen, was am Tag erfreulich war, ohne das Ergebnis aufzuschreiben, redet mit Freunden darüber und nimmt Fotos von Momenten auf, die sich positiv auf ihn auswirken. Bei Bedarf schaut er sie sich an, um Erinnerungen zu reaktivieren.

Meine Selbsthilfe-Reihe wäre in Bezug auf den individuellen Nutzen ähnlich fragwürdig wie zahlreiche Ratgeber, die mit erhobenem Zeigefinger ihre Dogmen proklamieren, sollte ich diesen Einwand ignorieren.

Ein Aspekt, den ich bereits in Teil 2 dieser Reihe hinreichend beleuchtet habe.

Sie sind, wie im Beitrag von gestern, dem 11.04. herzlich eingeladen, meinen Vorschlägen zu folgen und sie für sich auszuprobieren.

Wenn Sie jedoch nichts für Sie sind, ist das kein Mangel Ihrerseits, sondern dann hängt das damit zusammen, dass Sie ein Individuum sind, für das andere Methoden besser funktionieren.

Gott sei dank ist jeder von uns einzigartig, deswegen ist es für mich wichtig, in meinen Beiträgen zur Selbsthilfe Impulse zu geben, aus denen sich jeder bitte das heraussuchen darf, was er gebrauchen kann.

Um auf die Herangehensweise des Bekannten zurückzukommen:

Es ist gut und richtig, mit andern Menschen zu reden und dabei seinen Blick auf stimmungsfrohe Details zu richten. Die Wahrnehmung für das Positive können Sie so sicherlich ähnlich fördern wie beim Schreiben eines Positiv-Tagebuchs.

Auch wenn Sie mehrfach über Belastendes mit Vertrauten sprechen können, verringert sich die Intensität des Negativen sicherlich ebenfalls, wie beim Verfassen von Zeilen für eine Art Ballast-Buch (Beitrag vom 11.04.)

Bei mir persönlich ist es so, dass ich auch viel aus Gesprächen ziehen kann, ich mich dank des Schreibens jedoch besonders tief begreifen und in mich eintauchen kann, während sich meine Gedanken ordnen.

Das ist meine eigene Erfahrung, und ich möchte Sie ermutigen, sich auf die Suche zu begeben, um die für Sie optimale Methode zu finden.

Die Idee, Fotos von wohltuenden Momenten, von der Natur zu schießen, finde ich klasse.

Ich glaube, wir brauchen positive Nuancen, die uns helfen können, Tiefs zu überwinden; und wenn sie wie ein Foto griffbereit in der Bilddatenbank des Handys liegen: Umso besser. 59|

Liebe Leserinnen, liebe Leser, wenn Sie so, wie der Bekannte von mir, Anregungen haben, mit denen Sie etwas zum Thema Selbsthilfe beitragen möchten, freue ich mich über eine E-Mail von Ihnen! Schicken Sie Ihre Anregungen bitte an sebastian.domke@tintenkuenstler.de.

Ihr Sebastian Domke