Figurenpost

Liebe LeserInnen,59|

in der gestrigen Nacht schrieb ich bei Kerzenschein, und es war nicht nur so, dass ich in meinem Element war. Am Ende meines Schreibakts las ich auf meiner magischen Kerze die Worte »Diener und Hüter der Elemente«. Was hatte das nu wieder zu bedeuten?

Es bestand kein Zweifel: Ich war eins mit dem Feuer geworden, und auch, wenn mein Protagonist auf sehr porösem Eis steht, werde ich weiter für ihn und mit ihm brennen und allen Gefahren entgegentreten.

Nun habe ich ihn in etwas auswegloser Situation zurückgelassen. Aber solange Feuer vorhanden ist, werden auch die Wege ausgeleuchtet sein.

Noch ein kleiner Funfact am Rande: ich habe Gott gespielt um und meinem Prota einen neuen Namen gegeben. Dank der genialen Idee einer lieben Freundin heißt er nicht mehr John Stark, sondern Milo S. Harper. Der Buchstabe S. hat eine besondere Bedeutung, die sich erst am Ende auflöst.

Nun werde ich einen Brief schreiben, adressiert an Milo S. Harper. Ich werde ihm erzählen, dass ich ihn sehr schätze, was ich mir von ihm wünsche, und ich werde ihm ein paar Fragen stellen. Den Brief werde ich mir selbst, gerichtet an den Untermieter Milo im Jahr 2146, wohnhaft bei Sebastian Domke, zuschicken und gespannt die Reaktion der Postbotin beobachten, wenn sie mir das nächste Paket zustellt.

Falls eine Furche auf ihrer Stirn entsteht und einen immer tieferen Graben bildet, werde ich das Ganze wohl auflösen. Nicht etwa aus ernsthafter Sorge, Ärger mit dem Einwohnermeldeamt zu bekommen, weil ich illegal jemand bei mir wohnen lasse, sondern eher, weil die Zustellerin immer so freundlich ist, dass ich sie nicht verstören will.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Textschnipsel

Liebe LeserInnen,

die letzte Zeit ist es etwas still in meinem Blog geworden. Das liegt z. B. daran, dass ich an meinem Roman arbeite, für den ich viel Energie und Aufmerksamkeit benötige.

Er spielt in einer Stadt der Zukunft, in die Kranke eingeschlossen werden, weil sie die gesellschaftliche Ordnung stören würden.

Der Text ist nur oberflächlich bearbeitet und ich poste einen kleinen Auszug aus der Romanszene dieser Schreibnacht:

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Die Klänge der Geige drangen in mein Bewusstsein.

Ein Jugendlicher mit blondem Flaum über den Lippen stand neben dem Brunnen und führte den Geigenbogen flink über die Saiten.

Seine Augen versteckten sich hinter einer dick umrandeten Brille, aber als ich sein Gesicht musterte, hielt ich inne. Wie alt mochte er sein? Zwölf? Vierzehn? Sein eitel gekämmter Scheitel machte ihn älter, das Kindliche an ihm war jedoch unübersehbar. Es steckte nicht nur in seinen jungen Gesichtszügen, sonder auch in der Art, wie er spielte.

Sämtliche Töne harmonierten, und obwohl ich das klassisch klingende Stück nicht kannte, war ich mir sicher, dass er keinen Fehler machte. Ich fühlte, dass die Musik stimmig war. Was ganz anderes, als die drögen Stücke, die ich zu Hause gehört hatte.

Das Kindhafte drückte sich in seiner Impulsivität und Verspieltheit aus, die den Tönen etwas Lebendiges und Fröhliches verliehen.

Ich lehnte mich an die Mauer des Rathauses und lauschte der Musik, die sich heilend in meine Gedankenwelt grub. Nun sah ich wieder die Unverfrorenen, die Tanzenden und die Lustigen, die den Markt nutzten, um ausgelassen feiern zu können.

Behäbig schlenderte ich zu dem Jungen, presste den Chip in meiner Hand gegen den Kontakt auf dem Display des Geigenkastens und überwies ihm zehn Lodores. Das war genug, um den Kühlschrank vollzumachen. Schon möglich, dass es etwas viel war. Seine Darbietung berauschte mich aber, und ich tat es aus tiefster Überzeugung. Was bedeutete schon Geld, wenn das Glück sich unsichtbar in der Luft ausbreitete, in meine Ohren strömte und sich heilend auf das stressige Geplätscher meines Hirns legte?

Bei meinem Roman liegen knapp siebzig Seiten Rohfassung hinter mir, bis zum Berggipfel ist es noch weit. Ich bin sehr glücklich darüber, wie sehr mich das Schreiben ausfüllt, wie sehr ich es genieße, in eine andere Welt zu schlüpfen.

Hemingway sagte mal, dass die Rohfassung immer scheiße sei. Das werde ich vielleicht bei der Überarbeitung auch anmerken, aber bis dahin genieße ich jede schwitzige Tintenbahn, die ich zurücklege.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Das Netz

Liebe LeserInnen,

59|nachdem ich gestern meine Wohnung verlassen hatte, durch die Einfahrt marschiert war und rechts abbog, um den Bürgersteig hinaufzulaufen, wurde ich jäh gestoppt.

Ein Mann mittleren Alters aus der entfernten Nachbarschaft hob die Hand und blieb vor mir stehen.

„Stehen bleiben! Das hast du noch nicht gesehen!“ Wild gestikulierte er mit den Händen und zog von einem Straßenschild ausgehend eine Linie durch die Luft.

Ich konnte nur raten und sagte:

„Sehen Sie etwas Spinnenweben?“

Sein Blick wirkte zugleich euphorisch und entrückt.

„Ja, aber es ist seltsam.“ Erneut deutete er eine unsichtbare Spur an und ließ seine Handkante mitten in der Bewegung hinabsausen.

„Der Faden hört in der Mitte der Straße auf.“

„Ah“, sagte ich, „Ist nur merkwürdig, weil der Faden dort ja keinen Halt hat.“

Der Mann riss seinen Zeigefinger nach oben.

„Nicht jeder kann diesen Faden sehen.“

Ich gab ihm recht, der Mann zeigte sich über unser Gespräch erfreut und erklärte mir noch, wie wertvoll es sei, im 21. Jahrhundert so ein Gespräch mit jemandem zu führen, der Knöpfe in den Ohren trägt (Bevor ich das Haus verließ, hatte ich sie mir in die Ohren gesteckt, um Musik hören zu können).

Schuldbewusst zupfte ich an den Kopfhörern und versicherte ihm, dass ich die Musik noch nicht abspielen ließ. Ich verabschiedete mich, ging weiter und schmunzelte.

Erst heute denke ich darüber nach, dass er wohl mehr begriffen hatte als ich.

Hätten auch in seinen Ohren Kopfhörer gesteckt, wäre er vielleicht nicht aufmerksam für seine Entdeckung gewesen.

Zugegeben: Ich bin mir immer noch sicher, dass es keine zu sehen gab, aber ich werde nicht das Gefühl los, dass dieser Herr mir in puncto Achtsamkeit sehr viel beibringen könnte.

Ich erinnere mich, vor einigen Wochen, im Sommer, war ich ihm schon mal begegnet. Er hatte mich auf ein Phänomen hingewiesen, dass ihm bei einigen Sternen aufgefallen war.

Tja, manchmal sind es die verrückten Menschen, von denen wir das meiste lernen können.

Wobei verrückt nichts anderes bedeutet, als eine ver-rückte Perspektive einzunehmen. Wie ich bei dem Aufeinandertreffen festgestellt habe, kann so was sehr erfrischend sein.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Gefühle

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Liebe LeserInnen,

heute möchte ich etwas zitieren, was mich schwer beeindruckt hat:

»… Gefühle sind wie Wasser, sie passen sich stets der jeweiligen Umgebung an. Selbst die größte Trauer hinterlässt keine Spuren, und wenn man sie als überwältigend empfindet und sie so lange anhält, liegt dies nicht daran, dass die Gefühle erstarrt sind, denn das können Sie nicht, sondern dass sie stehen wie das Wasser in einem Waldsee.« («Sterben«, Knausgard, Karl-Ove, 2013, 14.Auflage, S. 340, Luchterhand Literaturverlag)

Ich liebe diesen Vergleich, weil ich ihn poetisch und auf geniale und zugleich schlichte Weise treffend finde.

Ich bin davon überzeugt, dass Knausgard damit Recht hat.

Manchmal, wenn das Wasser im Waldsee steht, kann ich es alleine dadurch abfließen lassen, dass ich eine Buchstabenpipeline lege und anfange zu schreiben. Es gibt Studien darüber, dass Schreiben Gefühlen jeglicher Art die Intensität nimmt und stabilisierend wirkt. Auch daran glaube ich. Um das Wasser aus dem Waldsee abfließen zu lassen, lassen sich auch andere Pipelines bauen. Musikpipelines. Bilderpipelines. Oder Gespräche-mit lieben-Menschen-Pipelines. Ist man gläubig, hilft es, die Rohre aus Gebeten zu bauen.

Rein sachlich betrachtet liefert Knausgards Vergleich keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Aber jede Formulierung und jedes Sprachbild, und mag der Sachverhalt noch so einfach sein, kann durch die Melodie der Worte eine neue Perspektive zeigen.

Mich haben diese Worte sehr inspiriert, und ich finde sie wunderschön.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Weichenstellungen

Liebe LeserInnen,

ich weiß nicht warum, aber irgendwie kam es gerade dazu, dass ich über das Thema »Entscheidungen« nachdachte, meine verqueren Gedanken; -) möchte ich gern mit euch teilen.

Im Nachhinein ist es leicht zu sagen: »Diese oder jene Entscheidung war die falsche« und man könnte bereuen, dass es so gekommen ist. Ich glaube aber, dass falsche Entscheidungen so bedeutsam werden können wie die vermeintlich hundertprozentig richtigen. Klingt verrückt und paradox, nicht wahr?

Aber so lange man anderen Lebewesen und der Umwelt würdevoll begegnet, darf man auch Fehler machen, die sich so richtig scheiße anfühlen.

Viel wichtiger als die Bewertung von Entscheidungsmöglichkeiten ist, wie man mit den Konsequenzen seiner Weichenstellungen umgeht. Wenn man mit Lebenslust und Entdeckergeist vorangeht, dann kann sich sogar die verkehrte Wahl als die richtige entpuppen.

Und am Ende waren es vielleicht die steinigen Wege, auf denen wir das meiste über das Leben gelernt haben. Denn besonders diese haben uns zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.

59|Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Meine liebsten Schreibratgeber

Liebe LeserInnen, liebe KollegInnen,

59|heute möchte ich euch meine liebsten Schreibratgeber vorstellen: „Heute schon geschrieben“ (Bd. 1 und Bd. 2 von Diana Hillebrand).

Auch wenn ich vieles aus den Ratgebern schon mal woanders aufgeschnappt hatte, inspiriert mich die kreative Art der Autorin jedes Mal aufs Neue.

Was mir besonders gefällt:

Die Autorin drängt sich nicht auf, erhebt nicht den Zeigefinger und begegnet dem Leser mit Respekt gegenüber den individuellen Interessen und Stärken.

Ob Gärtner oder Plotter, ob Strukturliebhaber oder Chaot, jeder kann von den Büchern profitieren. Auch als Nachschlagewerk sind sie geeignet.

Das allerwichtigste ist aber, dass „Heute schon geschrieben“ Spaß und Motivation vermittelt. Manchmal blättere ich darin, lese ein paar Zeilen, träume vor mich hin und fühle mich inspiriert.

Ich habe gespürt, dass die Autorin das Buch mit Hingabe und Freude geschrieben hat.

Manch einem mag diese Lobeshymne zu überschwänglich erscheinen, aber ich schreibe das gerade so, wie ich es wirklich empfinde.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Textschnipsel aus einer Schreibnacht

Liebe LeserInnen,

folgenden Textschnipsel aus meinem Romanprojekt möchte ich gerne mit euch teilen:

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Ich schreibe meist am Abend und in der Nacht, weil ich dann am kreativsten bin.

Ich wünsche euch einen achtsamen Tag mit ausreichend Ruheoasen!

Schreibt, lest und träumt schön!

Euer Sebastian