Textschnipsel

Liebe LeserInnen,

die letzte Zeit ist es etwas still in meinem Blog geworden. Das liegt z. B. daran, dass ich an meinem Roman arbeite, für den ich viel Energie und Aufmerksamkeit benötige.

Er spielt in einer Stadt der Zukunft, in die Kranke eingeschlossen werden, weil sie die gesellschaftliche Ordnung stören würden.

Der Text ist nur oberflächlich bearbeitet und ich poste einen kleinen Auszug aus der Romanszene dieser Schreibnacht:

59|

Die Klänge der Geige drangen in mein Bewusstsein.

Ein Jugendlicher mit blondem Flaum über den Lippen stand neben dem Brunnen und führte den Geigenbogen flink über die Saiten.

Seine Augen versteckten sich hinter einer dick umrandeten Brille, aber als ich sein Gesicht musterte, hielt ich inne. Wie alt mochte er sein? Zwölf? Vierzehn? Sein eitel gekämmter Scheitel machte ihn älter, das Kindliche an ihm war jedoch unübersehbar. Es steckte nicht nur in seinen jungen Gesichtszügen, sonder auch in der Art, wie er spielte.

Sämtliche Töne harmonierten, und obwohl ich das klassisch klingende Stück nicht kannte, war ich mir sicher, dass er keinen Fehler machte. Ich fühlte, dass die Musik stimmig war. Was ganz anderes, als die drögen Stücke, die ich zu Hause gehört hatte.

Das Kindhafte drückte sich in seiner Impulsivität und Verspieltheit aus, die den Tönen etwas Lebendiges und Fröhliches verliehen.

Ich lehnte mich an die Mauer des Rathauses und lauschte der Musik, die sich heilend in meine Gedankenwelt grub. Nun sah ich wieder die Unverfrorenen, die Tanzenden und die Lustigen, die den Markt nutzten, um ausgelassen feiern zu können.

Behäbig schlenderte ich zu dem Jungen, presste den Chip in meiner Hand gegen den Kontakt auf dem Display des Geigenkastens und überwies ihm zehn Lodores. Das war genug, um den Kühlschrank vollzumachen. Schon möglich, dass es etwas viel war. Seine Darbietung berauschte mich aber, und ich tat es aus tiefster Überzeugung. Was bedeutete schon Geld, wenn das Glück sich unsichtbar in der Luft ausbreitete, in meine Ohren strömte und sich heilend auf das stressige Geplätscher meines Hirns legte?

Bei meinem Roman liegen knapp siebzig Seiten Rohfassung hinter mir, bis zum Berggipfel ist es noch weit. Ich bin sehr glücklich darüber, wie sehr mich das Schreiben ausfüllt, wie sehr ich es genieße, in eine andere Welt zu schlüpfen.

Hemingway sagte mal, dass die Rohfassung immer scheiße sei. Das werde ich vielleicht bei der Überarbeitung auch anmerken, aber bis dahin genieße ich jede schwitzige Tintenbahn, die ich zurücklege.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Das Netz

Liebe LeserInnen,

59|nachdem ich gestern meine Wohnung verlassen hatte, durch die Einfahrt marschiert war und rechts abbog, um den Bürgersteig hinaufzulaufen, wurde ich jäh gestoppt.

Ein Mann mittleren Alters aus der entfernten Nachbarschaft hob die Hand und blieb vor mir stehen.

„Stehen bleiben! Das hast du noch nicht gesehen!“ Wild gestikulierte er mit den Händen und zog von einem Straßenschild ausgehend eine Linie durch die Luft.

Ich konnte nur raten und sagte:

„Sehen Sie etwas Spinnenweben?“

Sein Blick wirkte zugleich euphorisch und entrückt.

„Ja, aber es ist seltsam.“ Erneut deutete er eine unsichtbare Spur an und ließ seine Handkante mitten in der Bewegung hinabsausen.

„Der Faden hört in der Mitte der Straße auf.“

„Ah“, sagte ich, „Ist nur merkwürdig, weil der Faden dort ja keinen Halt hat.“

Der Mann riss seinen Zeigefinger nach oben.

„Nicht jeder kann diesen Faden sehen.“

Ich gab ihm recht, der Mann zeigte sich über unser Gespräch erfreut und erklärte mir noch, wie wertvoll es sei, im 21. Jahrhundert so ein Gespräch mit jemandem zu führen, der Knöpfe in den Ohren trägt (Bevor ich das Haus verließ, hatte ich sie mir in die Ohren gesteckt, um Musik hören zu können).

Schuldbewusst zupfte ich an den Kopfhörern und versicherte ihm, dass ich die Musik noch nicht abspielen ließ. Ich verabschiedete mich, ging weiter und schmunzelte.

Erst heute denke ich darüber nach, dass er wohl mehr begriffen hatte als ich.

Hätten auch in seinen Ohren Kopfhörer gesteckt, wäre er vielleicht nicht aufmerksam für seine Entdeckung gewesen.

Zugegeben: Ich bin mir immer noch sicher, dass es keine zu sehen gab, aber ich werde nicht das Gefühl los, dass dieser Herr mir in puncto Achtsamkeit sehr viel beibringen könnte.

Ich erinnere mich, vor einigen Wochen, im Sommer, war ich ihm schon mal begegnet. Er hatte mich auf ein Phänomen hingewiesen, dass ihm bei einigen Sternen aufgefallen war.

Tja, manchmal sind es die verrückten Menschen, von denen wir das meiste lernen können.

Wobei verrückt nichts anderes bedeutet, als eine ver-rückte Perspektive einzunehmen. Wie ich bei dem Aufeinandertreffen festgestellt habe, kann so was sehr erfrischend sein.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Gefühle

57|

Liebe LeserInnen,

heute möchte ich etwas zitieren, was mich schwer beeindruckt hat:

»… Gefühle sind wie Wasser, sie passen sich stets der jeweiligen Umgebung an. Selbst die größte Trauer hinterlässt keine Spuren, und wenn man sie als überwältigend empfindet und sie so lange anhält, liegt dies nicht daran, dass die Gefühle erstarrt sind, denn das können Sie nicht, sondern dass sie stehen wie das Wasser in einem Waldsee.« («Sterben«, Knausgard, Karl-Ove, 2013, 14.Auflage, S. 340, Luchterhand Literaturverlag)

Ich liebe diesen Vergleich, weil ich ihn poetisch und auf geniale und zugleich schlichte Weise treffend finde.

Ich bin davon überzeugt, dass Knausgard damit Recht hat.

Manchmal, wenn das Wasser im Waldsee steht, kann ich es alleine dadurch abfließen lassen, dass ich eine Buchstabenpipeline lege und anfange zu schreiben. Es gibt Studien darüber, dass Schreiben Gefühlen jeglicher Art die Intensität nimmt und stabilisierend wirkt. Auch daran glaube ich. Um das Wasser aus dem Waldsee abfließen zu lassen, lassen sich auch andere Pipelines bauen. Musikpipelines. Bilderpipelines. Oder Gespräche-mit lieben-Menschen-Pipelines. Ist man gläubig, hilft es, die Rohre aus Gebeten zu bauen.

Rein sachlich betrachtet liefert Knausgards Vergleich keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Aber jede Formulierung und jedes Sprachbild, und mag der Sachverhalt noch so einfach sein, kann durch die Melodie der Worte eine neue Perspektive zeigen.

Mich haben diese Worte sehr inspiriert, und ich finde sie wunderschön.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Weichenstellungen

Liebe LeserInnen,

ich weiß nicht warum, aber irgendwie kam es gerade dazu, dass ich über das Thema »Entscheidungen« nachdachte, meine verqueren Gedanken; -) möchte ich gern mit euch teilen.

Im Nachhinein ist es leicht zu sagen: »Diese oder jene Entscheidung war die falsche« und man könnte bereuen, dass es so gekommen ist. Ich glaube aber, dass falsche Entscheidungen so bedeutsam werden können wie die vermeintlich hundertprozentig richtigen. Klingt verrückt und paradox, nicht wahr?

Aber so lange man anderen Lebewesen und der Umwelt würdevoll begegnet, darf man auch Fehler machen, die sich so richtig scheiße anfühlen.

Viel wichtiger als die Bewertung von Entscheidungsmöglichkeiten ist, wie man mit den Konsequenzen seiner Weichenstellungen umgeht. Wenn man mit Lebenslust und Entdeckergeist vorangeht, dann kann sich sogar die verkehrte Wahl als die richtige entpuppen.

Und am Ende waren es vielleicht die steinigen Wege, auf denen wir das meiste über das Leben gelernt haben. Denn besonders diese haben uns zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.

59|Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Meine liebsten Schreibratgeber

Liebe LeserInnen, liebe KollegInnen,

59|heute möchte ich euch meine liebsten Schreibratgeber vorstellen: „Heute schon geschrieben“ (Bd. 1 und Bd. 2 von Diana Hillebrand).

Auch wenn ich vieles aus den Ratgebern schon mal woanders aufgeschnappt hatte, inspiriert mich die kreative Art der Autorin jedes Mal aufs Neue.

Was mir besonders gefällt:

Die Autorin drängt sich nicht auf, erhebt nicht den Zeigefinger und begegnet dem Leser mit Respekt gegenüber den individuellen Interessen und Stärken.

Ob Gärtner oder Plotter, ob Strukturliebhaber oder Chaot, jeder kann von den Büchern profitieren. Auch als Nachschlagewerk sind sie geeignet.

Das allerwichtigste ist aber, dass „Heute schon geschrieben“ Spaß und Motivation vermittelt. Manchmal blättere ich darin, lese ein paar Zeilen, träume vor mich hin und fühle mich inspiriert.

Ich habe gespürt, dass die Autorin das Buch mit Hingabe und Freude geschrieben hat.

Manch einem mag diese Lobeshymne zu überschwänglich erscheinen, aber ich schreibe das gerade so, wie ich es wirklich empfinde.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Textschnipsel aus einer Schreibnacht

Liebe LeserInnen,

folgenden Textschnipsel aus meinem Romanprojekt möchte ich gerne mit euch teilen:

94|

Ich schreibe meist am Abend und in der Nacht, weil ich dann am kreativsten bin.

Ich wünsche euch einen achtsamen Tag mit ausreichend Ruheoasen!

Schreibt, lest und träumt schön!

Euer Sebastian

Die Katze

Liebe LeserInnen,58|

seht ihr die Lücke unterhalb des Zauns? Entspannt hatte ich mit Füllfederhalter und Tintenfass, zweieinhalb Meter entfernt, an einem Tisch im Garten gesessen und meinen Roman weitergeschrieben.

Anschließend diktierte ich den Text der Szene in eine Spracherkennungssoftware. Soweit so gut.

Aus meiner Romanszene sprach ich eine Zeile mit Dialog auf und sagte: »Hey Biker!«

In dem Moment schoss eine braun getigerte Katze durch die Lücke im Zaun auf mich zu, starrte mich an und rannte davon.

Für mich wird die Katze für immer »Biker« heißen!

Die lustigsten Geschichten schreibt manchmal das Leben selbst.

Lest, schreibt und träumt schön!

Euer Sebastian

Wenn Welten aufeinandertreffen

58|

Liebe LeserInnen,

gestern ging mein dritter Artikel für www.soullala.de online. (Danke an die Illustratorin des Projekts – Anna Plonka – für die tolle Zeichnung)

In dem Beitrag über Menschlichkeit und Kommunikation verbergen sich tief sitzende Überzeugungen, die zu meiner Lebensauffassung zählen.

So bin ich besonders dankbar, dass meine Gedanken von Soul lala veröffentlicht wurden, um jungen Menschen zuteil zu werden.

Für mich ist es etwas Besonderes, wenn Texte mit persönlichen Ansichten wie diesen Leser finden.

Ich maße mir nicht an, immer auf dem richtigen Weg zu sein. Ich bin wie andere auch ein Mensch mit Stärken und Schwächen, freue mich aber, wenn sich Leser unterhalten oder zum Nachdenken angeregt fühlen.

Manchmal ist es so, als sei ich Teilhaber an stillen Dialogen und Diskussionen, und auch, wenn sie nur in den Köpfen von Leserinnen und Lesern stattfinden, ist diese Erfahrung für mich wertvoll, weil das, was ich tue, einen Sinn bekommt, der über mein Dasein hinausgeht – wie die Fallschirmchen einer Pusteblume, die als Saatgut für weiteres Wachstum durch die Luft wabern.

Dabei will ich mich mit meinen Ansichten nicht über andere stellen, vielmehr möchte ich die Rolle eines Senders spielen, der manchmal im Getümmel des Alltags überhört, manchmal aber auch mit Interesse wahrgenommen wird.

Die Arbeit des Autors ist oft einsam, aber mit diesen Gedanken im Hinterkopf erscheint es mir wertvoll, diese Funktion zu übernehmen. Sei es zur Unterhaltung oder zur Anregung, denn so glaube ich, dass ich etwas bewirke. Und wenn manchmal auch nicht bei anderen, na dann war es trotzdem nicht umsonst.

Denn jede Veränderung, die ein Mensch bei sich bewirkt, ist auch eine kleine Veränderung für die Welt.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

Schreibnacht meiner Romanfigur

Liebe LeserInnen,58|

heute möchte ich mit euch wieder einen kleinen Auszug aus meinem dystopischen Schreibprojekt teilen.

 

 

Ich schaltete die Nachttischlampe ein. Die Scharniere ächzten, als ich die Tür darunter öffnete, und ich nahm den Briefblock aus Leinenpapier heraus. Seit zwei Jahren lag er dort und hatte auf mich gewartet.

Ich setzte mich auf die Kante des Feldbettes und glitt mit den Händen über die feinen Fasern des Papiers. Wie viele Tränen waren schon auf Blätter wie diese getropft und hatten sich mit blauschwarzer Tinte vermischt?

Sorgfältig legte ich das Leinenpapier auf das Schränkchen.

Energie erfasste meine Muskeln und ich griff nach dem eckigen Füllfederhalter, der sich wie ein sechster Finger in meine Hand einfügte. Und das nach so langer Zeit.

Gewöhnlich saß ich nicht lange auf dieser Seite des Bettes, weil durch die undichten Fenster in Wohn- und Schlafzimmer Zugluft hereinwehte, aber in dieser Nacht störte es mich nicht. Mein Blick fiel auf die grießigen Staubkörner, die wild im Lichtkegel des Lampenschirms tanzten. In mir fühlte es sich an, als folgten meine Blutkörperchen ihrem Beispiel und schickten sich an, in meiner Blutumlaufbahn ungehemmt zu kreisen, so, als spürten sie, dass in mir etwas erwacht war.

Aus Sekunden wurden Minuten, aus Minuten Stunden. Ich schrieb, zerknüllte die Seiten, schrieb erneut, bis ich schließlich zufrieden war.

Schreibt, träumt, und lest schön!

Euer Sebastian

Der Schatten des Windes

58|

Kennst du das Gefühl, dass dir ein Kribbeln durch den Körper fährt, nachdem du ein Buch aufgeschlagen hast und etwas Magisches geschieht? Etwas, das du dir nicht so recht erklären kannst? Das Buch und du gehen eine Bindung ein. Die Gedanken des Autors vermischen sich mit deinen eigenen – und entlocken dir den staunenden Blick eines Kindes, für das die Welt eine Bühne voller Zauberer ist.

So geht es mir bei dem Buch »Der Schatten des Windes« von Carlos Ruiz Zafón.

Ein elfjähriger Junge wird von seinem Vater an einen geheimen Ort geführt: Den Friedhof der vergessenen Bücher, eine gigantische Bibliothek, in der Bücher mit viel Liebe aufbewahrt werden, die in Vergessenheit geraten sind. Der Vater lehrt seinen Sohn, dass jedes Buch eine Seele habe, die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen, erlebt und von ihm geträumt haben. Jedes Mal, wenn jemand seinen Blick über die Seiten gleiten ließe, wüchse sein Geist und würde stark.

Jedes Buch an diesem mystischen Ort sei mal jemandes bester Freund gewesen, und nun ginge es den Aufsehern darum, für die Bücher neue Besitzer zu finden.

Der elfjährige Daniel dürfe niemandem von der Bibliothek berichten, und sei nun verpflichtet, sich ein Buch aus den Räumen auszusuchen. Er müsse sich gut darum kümmern.

Das Buch, das Daniel auswählt, stammt von einem kaum bekannten Schriftsteller, über den es schwer ist, etwas herauszufinden. Und doch ist es dieses Buch, das Daniels Leben verändert.

Der Funken ist übergesprungen und hat gezündet. Ich höre das Hörbuch, gelesen von Uwe Teschner, der wunderbar liest, und mich mit dem Entdeckergeist eines Kindes lauschen lässt.

Ich bin mit dem Hören zwar noch nicht weit, wollte meine Begeisterung aber unbedingt mit dir teilen.

Wie bezaubernd wäre die Bücherwelt, wenn wir in Büchern Seelen vermuten würden? Wie würdest du dann mit Büchern umgehen? Würdest du Autoren anders behandeln, über die du früher die Nase gerümpft hast?

Magst du mir auch von der magischen Begegnung mit einem Buch erzählen?