Der Kraftsatz

Liebe Leser*innen,

ich erzähle euch heute etwas über einen Satz, der in der Jugend etwas in mir entfachte, etwas, was auch heute nicht erloschen ist:
Als ich sechzehn war, kaufte ich mir die englische Ausgabe eines Romans, weil ich meine Sprachkenntnisse verbessern wollte. Um ehrlich zu sein, kam ich nicht über die erste Seite hinaus.

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Der erste Satz lautete: »He awoke into darkness«.

Neugier entflammte in mir. Neugier über die Welt, die den Helden umgab. Saß er in einem Keller, in dem er gefoltert wurde? Hatte jemand ihm die Augen verbunden?

Nur wollte ich das Buch nicht mehr lesen. Ich beschloss, es selbst zu schreiben. Ausgehend vom ersten Satz wollte ich meine eigene Geschichte zu Papier bringen. Ich füllte mit meinem Füller zwei DIN-A4 Seiten und zeigte sie stolz dem Deutschlehrer. Ich glaube mich zu erinnern, dass er im Stress war. Jedenfalls lobte er mein Engagement mit mäßigem Interesse, ohne sich wirklich anzusehen, was ich da geschrieben hatte. Ich war enttäuscht und der Versuch, ein Buch zu schreiben, endete, bevor er eigentlich begonnen hatte.

Noch heute, 24 Jahre später, verspüre ich Begeisterung, wenn ich Kurzgeschichten oder Artikel schreibe. Aber dieser Tag, an dem ich als 16-jähriger ein Buch schreiben wollte, war etwas Besonderes.

Es wird noch lange dauern, bis mein Roman vollendet ist. Vielleicht dauert es Jahre. Das macht mir nichts, weil ich mit Leidenschaft schreibe und Zeit mir dabei nicht so wichtig ist.

Das Feuer, das sich vor 24 Jahren in meiner Brust entzündet hat, ist nicht erloschen, da glimmt immer noch ein Funke, und jener Funke wird während des Schreibens meiner Dystopie wieder zu einem Feuer heranwachsen und meinen Pfad beleuchten. Der erste Satz ist ein anderer. Spannend ist, dass der Held auch zu Beginn meines Romans erwacht. Diese Parallele ist mir erst heute beim Schreiben der Morgenseiten aufgefallen: »Wie üblich starrte ich nach dem Aufwachen auf Wände voller Vorschriften, Vorschriften, die sich längst in mein Gehirn gebrannt hatten. Jede einzelne von ihnen war einst wie Pflöcke in meine Gedankenwelt getrieben worden und steckte seitdem die Grenzen ab – zwischen dem, was meine Pflicht war, und dem was ich niemals denken und tun durfte.«

Bis denne!

Euer Sebastian

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