Freddy

58|Liebe stillen Romanciers und Dichter,

in dieser Rubrik möchte ich euch zum Schreiben ermutigen. Die weltweit verbreiteteste Form, sich frei auf dem Papier auszubreiten, ist wohl das Tagebuchschreiben. Bald möchte ich ein paar Anregungen anbieten, die euch inspirieren die Tinte fließen zu lassen. Für heute biete ich euch eine Kurzgeschichte an (Personen und Handlung sind frei erfunden).

Wer weiß? Vielleicht verspürt der eine oder andere danach Lust, das verstaubte Tagebuch hervorzukramen und Gedanken und Gefühle festzuhalten.

Nun meine Geschichte:

Mit zitternden Händen sitze ich auf der Terrasse meines Lieblingscafés und suche in der Geldbörse nach Scheinen.

Lange werde ich mir hier die Getränke nicht mehr leisten können.

Gedankenverloren betrachte ich die Vase mit Löwenzähnen, die den kleinen Nussbaumtisch vor mir verziert.

Ich richte meinen Blick auf die Altbauten der Oberstadt und beobachte Passanten, die das Café passieren. Ein Kind schiebt ein BMX-Rad an, immer wieder den Blick auf die Eltern gerichtet, die gut gelaunt über das beste Eis der Stadt reden.

Vor einem Jahr gehörte ich selbst zu diesen glücklichen Menschen.

Seufzend drücke ich mir die Fingerkuppen auf die Augenlider.

»Möchtest du schon etwas bestellen?« Verhalten tritt eine Kellnerin an den Tisch. Ihr Haar leuchtet rot wie die Blätter eines Ahornbaumes.

»Ja«, entgegne ich. »Ich hätte gern Respekt, und zwar den doppelten!« Verwegen ziehe ich den linken Mundwinkel nach oben und zwinker ihr zu.

»Geht es dir nicht gut?« Die junge Frau mit der eng anliegenden Bluse runzelt die Stirn. Der Anflug eines Lächelns bleibt in ihrem Gesicht zurück, aber wohl eher aus Höflichkeit als aus Sympathie.

»T’schuldige, ist nicht mein bester Tag. Bring mir bitte ein Pils!«

»Gern.« Sie wendet sich ab und wechselt zum nächsten Tisch, um weitere Bestellungen aufzunehmen.

»Hey Jonas, fast hätte ich dich nicht wiedererkannt.« Ein Mann mit Hornbrille, Bürstenhaarschnitt und Drei-Tage-Bart nimmt mir gegenüber Platz.

»Kennen wir uns?«

»Oh ja! Wir waren auf der gleichen Schule.«

»Komisch. Ich kann mich nicht erinnern. Gewöhnlich merke ich mir Gesichter sehr gut.«

Der Fremde steht auf, beugt sich über den Tisch und rüttelt an meinen Schultern.

»Kein Wunder, Alter! Ich war schon immer der mit dem besseren Gedächtnis von uns!«

Behäbig kratze ich mich am Kopf.

»Das ist mir gerade peinlich. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer du bist.«

Eine unangenehme Stille entsteht. Es mögen nur Minuten sein, aber sie kommen mir vor wie Stunden.

Die Kellnerin kehrt mit einem Tablett zurück.

»Kaffee und ein Pils«, sagt sie und stellt uns etwas hastig die Getränke auf den Tisch.

»Ich war so frei und habe mir einen Kaffee bestellt, Kumpel. Und was meinen Namen angeht: Vielleicht findest du ihn noch heraus, Royal Flush.«

»Woher kennst du diesen Spitznamen, den benutzten nur wenige Leute.«

»Du warst wie ein offenes Buch, Jonas.« Pfeilschnell wirft er ein Päckchen Zucker auf mein Gesicht zu.

Meine Reflexe sind nicht mehr so herausragend wie früher, aber immer noch beeindruckend. Wenige Millimeter vor meinem Auge fang ich das Päckchen und lese den Aufdruck:

»Jede Nacht stirbst du, aber jeden Morgen wirst du wiedergeboren und mit Kaffee getauft.«

Die Worte auf dem Zuckerpäckchen lassen mich unwillkürlich auflachen. Mein Lachen tilge ich wie eine fehlerhafte Variable einer Formel. Ich taxiere den Gast.

»Was soll das?«

»Ich wusste, dass du den Zucker fängst. Du fragst dich wohl, was mir das Recht gibt, mich so unverschämt zu verhalten?« Feixend hebt er die Tasse, als wolle er mir zuprosten.

»Ja. Das frage ich mich tatsächlich.« Mit Daumen und Zeigefinger drehe ich das Päckchen und lasse es auf den Tisch fallen.

»Du bist seit Jahren unverschämt zu dir.« Der Fremde schnuppert mit aufgeblähten Nasenflügeln am Kaffee, als habe er dessen Duft noch nie gerochen. »Also kann ich auch unverschämt zu dir sein«, fügte er hinzu.

Der Spinner leert die große Kaffeetasse, ohne einmal abzusetzen. Er lässt seinen Blick abschweifen und richtet ihn nach oben. Vielleicht, um den zerfallenen Wolken am Himmel nachzublicken.

»Du hattest sehr oft einen Royal Flush, du warst der beste Pokerspieler deiner Clique.«

»Spielten wir gegeneinander?« Ich durchforste in Gedanken die Gesichter meiner ehemaligen Freunde, aber keines ähnelt diesem Typen.

»Du hast oft betrogen«, sagt er.

Noch das Bierglas an den Lippen, verschlucke ich mich, huste und spucke Bier auf den Tisch. Meine Kehle fühlt sich an, als würde eine Faust sie umschließen, die langsam zudrückt.

»Ist alles in Ordnung?« Die Kellnerin betrachtet mich wie einen Idioten, den man nur mit Mitleid besänftigen kann.

Ich kriege wieder Luft und tupfe mir mit der Serviette Schweiß von der Stirn.

»Blöde Frage!«, motz ich die Frau an, die sich achselzuckend einem anderen Tisch zuwendet.

»Woher?« Ich zische das Wort mehr, als dass ich es spreche.

Mr. X glättet sein Sakko.

»Ich kenne dich schon lange, mein Freund!. Außerdem hast du es mir erzählt.«

»Ich habe so etwas nie wieder …«

»Ich weiß.«

»Aber ich denke, du kennst mich nur von der Schule.« Ich wische mir mit der Serviette nun über die Lippen.

»Ich kenne dich schon ewig.« Der Gast lächelt. »Du bist ein guter Junge. Als Unternehmer magst du eine Bruchlandung hingelegt haben, nicht jedoch als Mensch. Der Schlüssel zur Heilung deiner Seele liegt tief in dir verborgen.«

Was kommt als Nächstes? Die Frage, ob ich meine Seele verkaufe? Sitzt etwa der Leibhaftige vor mir?

Die Erinnerungen an den Niedergang meiner Werbeagentur schmerzen wie Giftpfeile in mir.

Wie ein Sturm, der massenhaft Bäume umknickte, so hatte der Markt das Vertrauen der Kunden in mich zum Einsturz gebracht.

Der letzte Baumstamm, der brach, war das Vertrauen in mich selbst.

Erneut vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen. Ich wische mir über die Augen und lasse langsam die Hände sinken, um die Schläge einzustecken, die noch kommen mögen.

Aber Mr. X ist verschwunden. Vor mir stehen mein Bierkrug und die Tasse, aus der er getrunken hat. Erstaunt stelle ich fest, dass sie bis kurz unter der Oberkante gefüllt ist.

Was liegt denn da. Wo kommt das denn her?

Vor mir im Wind flattern die aufgeschlagenen Seiten eines Buches. Ich erkenne es sofort wieder: Mein altes Tagebuch mit allen Aufzeichnungen. Wie das? Ich war sicher, es verbrannt zu haben. Behutsam blättere ich darin und stutze. Die Betrügerei beim Pokern. Unzählige Worte, wie schlau ich war – ohne Gewissen, aber je mehr ich schrieb, desto mehr entdecke ich Mitgefühl für Freunde, denen ich Geld abgeluchst hatte. Ich zeigte Reue, verurteilte mich, bis ich mich mit Briefen an mein Tagebuch, das ich schon immer Freddy genannt hatte, die Schuld von der Seele wusch. Josh nahm ich damals verdammt viel Geld ab. Tränen bilden sich in meinen Augen, als ich lese, wie befreit ich mich fühlte, nachdem ich einen Großteil des zu Unrecht erworbenen Geldes ein Jahr nach Verlassen der Schule in Josh’s Briefkasten gelegt hatte.

Den Betrug behielt ich für mich. Nur das Tagebuch wusste davon. Ich schlage den letzten Eintrag auf. Unverkennbar meine Schrift, aber ich kann mich nicht daran erinnern, sie aufs Papier gebracht zu haben.

Fang an zu schreiben, wo du gerade bist. Du verbindest dich nicht nur mit dir selbst, sondern mit einer höheren, spirituellen Ebene. Jeder Satz ist ein Gebet. Tu es. Fühle es. Lebe es. Deine geschriebenen Worte werden dich lehren, deine Gefühle mit all ihrem Schmerz anzunehmen, um dich dann sanft von ihm zu befreien. Zu schreiben wird dir helfen, deinen Weg zu zementieren und zu gehen.

Das heutige Datum betitelt die Seite. Oh Mein Gott. Ich bin irre. Wie kam es hierher? Ich muss verrückt sein.

Zärtlich streichel ich den Ledereinband des Buchs, wiege es in den Händen und lege es sorgfältig vor mir nieder. Neben dem Buch liegt mein alter Lamy-Füller.

Ohne nachzudenken ziehe ich die Kappe ab und beginne, ein Wort vor das andere zu setzen.

Wenn, jetzt, wo ich versagt habe, mich Angst übermannt, wieder zu versagen, und ich mich aufgebe, wird mein Geist verkümmern. Nur mein Körper wird sich im Hamsterrad weiter drehen. Bis ich eines Tages sterbe, ohne je gelebt zu haben.

Alles, wovor ich Angst habe, wird ohnehin eintreffen. Ich werde eines Tages krank werden, ich werde Verluste erleiden und ich werde sterben. Wenn das die Wahrheit ist, warum fange ich dann nicht jetzt an zu leben?‹

»Möchtest du zahlen?« Eine Stimme, weit weg.

Verträumt betrachte ich den Himmel. Die Wolken lösen sich auf.

Ich nicke.

»8,30 Euro bitte.« In meinem Geldbeutel befindet sich noch ein 20-Euro-Schein. Ich gebe ihn ihr.

»Behalte den Rest.«

Die Kellnerin schüttelt mit dem Kopf.

»Das ist zu viel.«

»Nein. Diese Stunde hier war so wertvoll, die könnte ich gar nicht mit Geld aufwiegen. Leg einen Teil des Geldes zurück, wenn du willst. Falls jemand hier vorbeischaut, der arm ist und einen Kaffee trinken möchte, bezahle ihm diesen bitte von dem Geld.«

»Gute Idee«. Nun lächelt sie offenherzig.

»Der Mann, der mir gegenüber saß, konntest du ihn sehen?«

Sie lacht auf.

»Er sagte mir schon, dass du mich das fragst.«

»Was hat er noch gesagt?«

»Ich sollte dir schöne Grüße von Freddy bestellen.«

Schreibt, lest und träumt schön!

Euer Sebastian

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