Ist die Handschrift nur noch was fürs Museum?

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»Die Handschrift stirbt aus«, geisterte es am 23.01., dem Welttag der Handschrift, durch die Medien.

Selbst Bildungsvorreiter Finnland hat das Schreiben mit der Hand abgeschafft – im Dienste von Produktivität und Fortschritt.

Ist das die gesellschaftliche Entwicklung, die wir uns wünschen?

Ich glaube nicht.

Studien belegen, dass z. B. Studenten, die Vorlesungsinhalte per Hand notieren, sich besser ans Gelernte erinnern als die Nutzer von Tablets und Laptops.

Der Grund: Handschrift aktiviert mehr als dreißig Muskeln der Hand und verbindet diese mit dem Gehirn, was deutlichere Spuren im Kopf hinterlässt als das Tippen auf Computertastaturen.

Von Autoren habe ich oft gehört, dass ihnen das Schreiben mit Stift und Papier einen besonderen Zugang zu Kreativität und Gefühlen verschafft.

Verfechtern des technischen Fortschritts rate ich, Stift und Füller zu zücken und eine Woche, so gut es geht, auf Tastaturen zu verzichten.

Briefe statt E-Mails (Für Sender und Empfänger wird diese Verständigung fühlbar werden – das Knistern des Papiers, das haptische Erlebnis, es in den Händen zu halten).

Notizen und Tagebucheinträge in schicken Büchern statt aufwendigen Apps, deren hunderte Funktionen niemand wirklich braucht (Ich selbst nutzte einige solcher Apps. Ich verteufele sie nicht, aber ein dosierter Umgang mit ihnen ist ratsam).

Postkarten anstelle von WhatsApp-Nachrichten (Was meint ihr, wie sich eure Freunde freuen, zur Abwechslung eine Postkarte mit lieben Worten aus dem Briefkasten zu fischen?)

Schreiben und Lesen – beides verschwindet immer mehr hinter Bildschirmen, und das in einem Zeitalter, in dem Achtsamkeit als Modewort gilt.

Achtsam ist, wer mit allen Sinnen die Gegenwart mit seiner Umgebung spürt, bewusst atmet und im Jetzt verweilt.

Große Unternehmen geben Unsummen aus, um Mitarbeitern Meditations- und Achtsamkeitskurse anzubieten.

Dagegen wirkt der Versuch, die Handschrift abzuschaffen wie eine Farce, denn: Ein Buch in den Händen zu halten ist ein achtsames, sinnliches Ereignis. Der Geruch von Druckerschwärze, das Umblättern von Seiten, das Gewicht in den Händen, das Geräusch beim Zuklappen.

Beim Schreiben liebe ich es, zu hören, wie mein Füllfederhalter »Peter Pen« übers Papier gleitet. Oft vergesse ich dann die Zeit, sodass ich in solchen Momenten aufblühe. Manchmal kommt es mir vor, als wandere ich in der Zeit zurück, so, als würde ich jünger. Da entpuppt sich »Peter Pen« als »Peter Pan« – und die Pforte zur unsichtbaren Welt öffnet sich weit.

Logik und Produktivität bleiben draußen.

Auf den Schwingen geschriebener Tagträume steuere ich unbekannte Welten an. Welten, die unabdingbar wichtig für uns sind, mindestens ebenso, wie die Welt, die von Fakten und Logik bestimmt ist.

Logik und Sachlichkeit mögen Sicherheit und Kontrolle schaffen, es sind jedoch Achtsamkeit und Fantasie, die Freiheit und Glück den Weg bereiten.

p.s.: Auch diesen Text habe ich mit der Hand vorgeschrieben (am 23.) – am Computer habe ich ihn nur überarbeitet. Weil ich selbst die Handschrift liebe, wäre alles andere am »Tag der Handschrift« ein schlechter Witz gewesen;-)

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