Langeweile – mehr als nur eine Krankheit der Armen und Faulen?

Liebe Leser*innen,

ist Langeweile eine Krankheit der Armen und Faulen? Oder ein Luxus der Reichen, die sie wie fast alles andere einkaufen? Ist sie in unserer fortschrittlichen Welt überhaupt noch erwünscht? 59|

Die meisten Menschen haben Angst vor ihr, davon bin ich überzeugt. Wenn im Fernsehen ein Werbespot läuft oder wir beim Arzt warten müssen, zücken wir das Smartphone. Und was machen wir, wenn wir nach geleisteter Arbeit eine Pause einlegen? Oder wenn wir beim Friseur warten müssen und, wenn wir gerade alleine sind?

Richtig, wir zücken das Smartphone. Die meisten von uns handeln so jeden Tag.

Wir greifen dankbar in das überquellende virtuelle Regal von Angeboten, verlieren uns im Netflix- und Online-Spielejungle, kaufen uns technische Neuheiten, die nach vier Wochen, manchmal nach wenigen Tagen achtlos in der Ecke liegen. Gierig geben wir Geld aus, um Spaß zu erleben, wir sind bereit, beinahe alles zu tun, nur, um Langeweile und Einsamkeit aus dem Weg zu gehen.

Wir scrollen bei Facebook durch den Verlauf, auf der Suche nach der Nachricht, nach dem Ereignis, das unser Bedürfnis nach Spannung und Entertainment befriedigt wie kein anderes.

Ich behaupte, dass Langeweile und Einsamkeit vielen Menschen den Grund liefert, zur Flasche zu greifen. Im Bestreben nach Stimulation und Glücksgefühlen und Vermeidung des Nichts werden unzählige Menschen alkoholabhängig.

Über 200 Menschen sterben täglich an den Folgen eines riskanten Alkoholkonsums, oftmals in Kombination mit dem Rauchen.

Ob in Form von Spielsucht, Drogen, Alkohol oder Fernsehserien, noch nie war das Angebot so vielfältig wie heute. Manche Süchte sind folgenschwerer als andere, aber sie könnten vermieden werden, wenn wir uns mit dem Nichtstun versöhnten und die Kraft der Stille kennenlernen.

In einem Experiment wurden Versuchsteilnehmer gebeten, sich fünfzehn Minuten auf einen Stuhl zu setzen, um sich mit einem Thema ihrer Wahl gedanklich auseinanderzusetzen. In dem Raum befand sich ein Elekroschockgerät. Die meisten Probanden gaben an, sich niemals selbst Stromstöße verpassen zu wollen, und doch taten es 2/3 der Männer und 1/4 der Frauen.

Zu Hause fällt es Menschen sogar noch schwerer als den Teilnehmern der Studie, weil sie täglich einer Fülle von Ablenkungen ausgesetzt sind.

Dabei muss Langeweile keinesfalls schädlich und unangenehm sein, wenn wir üben, sich bewusst für sie zu entscheiden. Wie das gehen soll?

Z. B. durch Achtsamkeitsmeditationen. Einfach gelegentlich auf den Atem achten, ihm folgen, um nach jeder gedanklichen Ablenkung zu ihm zurückzukehren. Oder durch Gebete, durch Spaziergänge in der Natur, während das Handy auf »Stumm« geschaltet ist.

Mir hilft es zu schreiben, denn das Schreiben verlangsamt meinen Gedankenstrom, sortiert Unwichtiges und Wichtiges und befruchtet meine Kreativität. Schreiben ist auch Meditation, innehalten, entdecken, um dann Worte für etwas zu finden, was man vorher nicht in Worte fassen konnte. Aber es ist auch eine Tätigkeit.

Wenn ich eine Weile in der Badewanne, still auf dem Bett liege oder einem Stuhl meditiere, dann steuert so mancher Schatz auf die Oberfläche zu: Worte, die mir das eine oder andere Mal den Weg offenbarten.

Ich bin mit dem Überangebot dieser Welt genauso überfordert wie andere, aber ich will versuchen, mich zu reflektieren und das Beste daraus zu machen.

Oftmals führt Langeweile dazu, dass man nach dem Ruhezustand in eine Aktivität übergeht, die uns Sinn gibt, so viel Sinn, wie wir es ohne die Zeit der Stille nie erfahren hätten. Langeweile kann wie eine Schaukel sein, die uns mit jeder vergangenen Minute, mit jedem Schwung dem Himmel, nach dem wir uns sehnen, näher bringt.

Ich bin manchmal sehr verkopft und mir tut es dann gut, wenn ich Langeweile, Stille oder Einsamkeit für eine gewisse Zeit erlebe, um zurückzutreten, damit ich wieder das Ganze sehe. In unserem Leben gibt es Systeme, Weltanschauungen, Überzeugungen, Arbeitsweisen, Meinungen, in denen wir uns verrennen, wenn wir nicht innehalten, um sie mal probeweise zu vergessen. Alles auszublenden, was man bisher zu einer Sache weiß, kann sehr bereichernd sein, weil man plötzlich die Chance hat, neue Perspektiven kennenzulernen.

Ich habe viele Jahre Schach gespielt und an Turnieren teilgenommen. Die weisesten Entscheidungen, nachdem ich am Zug war, habe ich getroffen, wenn ich eine Weile nachgedacht hatte, aufgestanden war, den Blick vom Brett gelöst, alle Berechnungen vergessen hatte und noch mal mit frischem Blick auf die Stellung schaute. Ich erkannte plötzlich Zusammenhänge, die ich zuvor nicht erahnen konnte.

Dieses Phänomen funktioniert auch in unserem Alltag, wie auch immer er aussehen mag.

Wir alle haben unsere individuelle Wahrnehmung von der Welt. Wir sind Milliarden von Menschen. Wie kann sich einer von uns anmaßen, dass sie / er alles verstanden hat? Gerade deswegen ist es wertvoll, gelegentlich stehen zu bleiben und der Langeweile Raum zu geben. Nur in diesem Raum können wir beobachten, ohne zu bewerten, können wir wahrnehmen, ohne zu urteilen.

Bis denne!

Euer Sebastian

6 thoughts on “Langeweile – mehr als nur eine Krankheit der Armen und Faulen?

  1. Lieber Sebastian,
    ein Artikel, der mich nachdenklich macht. Langweilig ist mir selten doch bin noch oft einsam. Mancher würde sagen, mir ist langweilig, ich soll mich beschäftigen, dann bin ich nicht einsam. Ich habe Angst wenn mein Sohn ausziehen wird. Nicht Angst vor der Langweile sondern vor der Einsamkeit, dem Alleinsein.
    Liebe Grüße Caro

    1. Liebe Caro,
      kann ich gut verstehen, mir fällt es auch manchmal schwer, einsam zu sein, aber Einsamkeit kann auch eine Chance sein, sich bewusst zu werden, was man tun und mit wem man die Zeit verbringen möchte. Vielleicht wartet hinter der Mauer der Einsamkeit ein Schatz, wer weiß? Und vielleicht kann man dann Zeit mit Freunden noch besser wertschätzen und genießen als vorher.
      Ich wünsche dir viel Kraft fü die neue Lebenssituation, ich bin sicher, du kriegst das gut hin.
      Liebe Grüße
      Sebastian

      1. Lieber Sebastian, ich warte schon so lange dass sich da ein Schatz hinter der Mauer verbirgt. Ob ich es gut meistere, wirst du mitbekommen. Ich muss einfach mein Leben, meinen Alltag neu ausloten.
        Liebe Grüße Caro

        1. Viel Glück! Ich bleibe dabei und glaube, dass du das gut hinbekommen wirst. Es ist toll, was du als Autorin und Bloggerin auf die Beine gestellt hast, ich will sagen, du hast schon viele Berge bezwungen, und ich wünsche dir, dass du diesen auch nimmst 🙂
          Liebe Grüße
          Sebastian

  2. Lieber Sebastian,
    ein toller Artikel wie ich finde. Das mit der Langeweile ist so eine Sache. Auch ich kenne diese Momente in denen ich Langweile empfinde. Diese Momente sind für mich schwer auszuhalten. Ich klicke mich dann ersteinmal durch das gesamte TV-Programm. Wenn ich dort nichts finde dann gucke ich, ob ich auf meinem TV- Stick eine Serie oder einen Film finde den ich gucken könnte. Wenn mich dort aber auch nichts anspricht schaue ich was im Netz so los ist. Manchmal stoße ich dort auf eine kreative Idee, die ich dann ausprobiere. Wenn ich aber auch dort nichts finde womit ich mich beschäftigen kann, kommt es auch vor daß ich aus lauter Verzweiflung etwas im Haushalt mache. Das ist aber eher selten der Fall.
    Spazieren gehen wäre übrigens auch eine gute Möglichkeit der Langeweile zu entfliehen. Wenn man keine Lust hat alleine zu gehen, kann man ja Freunde oder jemanden aus der Familie fragen, ob er Lust hat mit zu gehen.
    Am schlimmsten finde ich es aber, wenn man sich aus lauter Langweile oder auch Einsamkeit in Süchte flüchtet wie Alkoholsucht, Spielsucht oder auch Kaufsucht. Das macht dann erst Recht einsam. Man vernachlässigt sich und verliert wohlmöglich den Kontakt zur Familie und zu Freunden.
    Deshalb sollte man sich sinnvolle Strategien überlegen, mit denen man der Langeweile entgehen kann. Gerade wenn man alleine ist weil man keinen Partner hat ist das bestimmt nicht immer einfach.
    Ich habe zum Glück einen Partner an meiner Seite. Deshalb sind die Momente der Langeweile bei mir auch eher selten.
    Der Artikel ermutigt aber auf jeden Fall dazu sich mal konkret mit diesem Thema auseinander zu setzen.
    Mach weiter so Sebastian.
    Ich freue mich schon auf deinen nächsten Blogbeitrag.

    Liebe Grüße
    Nadine

  3. Liebe Nadine,
    danke für dein Feedback. Langeweile auszuhalten ist schwer, gerade, weil wir es gewohnt sind, tagtäglich mit Reizen überflutet zu werden. Ich habe bewusst etwas provoziert, weil ich glaube, dass es wichtig ist, darüber nachzudenken. So wie der Körper Schlaf braucht, so braucht das Gehirn hin und wieder Langeweile, denke ich. Vielleicht ist Langeweile der Resetknopf für unseren Kopf, den wir so dringend brauchen. Wir haben heute grenzenlosen Zugang zu Wissen. Unsere Währung ist die Aufmerksamkeit. Ich glaube wir müssen manchmal Reset drücken, um bewusst mit ihr umgehen zu können. Wir fürchten uns vielleicht vor der Langeweile, weil wir verlernt haben, mit ihr zu leben.
    Liebe Grüße
    Sebastian

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