Love and respect

Habt ihr schon mal ein Instrument erlernt?

Als Jugendlicher spielte ich sechs Jahre lang Posaune in einer Band, der Bigband der Schule, mit der ich regelmäßig auf Konzerten auftrat.

Das Posaunespielen war oft eine Pflichterfüllung, aber manchmal habe ich es genossen. Ich fühlte mich schon geschmeichelt, wenn ich das Posaunensolo aus »Hello Dolly« zum Besten geben durfte und das Publikum frenetisch applaudierte.

Am liebsten mochte ich jedoch Flashdance. Bei dem Klaviersolo einer Mitschülerin bekam ich fast jedes Mal Gänsehaut.

Wir spielten Jazz, aber interpretierten auch modernere Lieder wie z. B. »Beat it« von Michael Jackson.

Die Verbindung zum Jazz ist in all den Jahren abgerissen.

Als ich erfuhr, dass die »Little Planet Band« zum Lyz in Siegen kommt, wurde ich hellhörig. Wie wäre es, noch mal das Zeittor zu öffnen, und mich vom Jazz verwöhnen zu lassen?

Die Little-Planet-Band spielt eine Mischung aus Funk, Jazz und Soul, eine andere Stilrichtung als ich sie kannte, aber … hey … wann habe ich mich zulezt bei einem Konzert verzaubern lassen? Warum nicht einfach rausgehen und was Funkiges erleben?

Die Sitzreihen im Siegener Lyz waren gut gefüllt. Ich setzte mich wenige Meter vor der Bühne an einen der kleinen runden Tische und goss mir Gänsewein ein.

Die Little-Planet-Band wurde als deutsche Band mit internationalen Wurzeln vorgestellt, die sich dadurch auszeichnet, ausschließlich eigene Stücke zu interpretieren.

46|Als Emanuel Stanley (der Bassist und Leiter der Band mit dem weißen Hemd) erklärte, dass der Posaunist sich wegen einer Sehnenscheidentzündung krankgemeldet hatte, kratzte ich mich am Kopf.

Wenn ich nach meinem sechnzehnten Lebensjahr weiter mit der Posaune geübt hätte, hätte ich sagen können:

»Hey Jungs, kein Problem. Das übernehme ich«, um dann auf die Bühne zu steigen und abzugrooven.

Zu Beginn waren die Soul-Rythmen ruhiger Natur und ich stellte mir vor, Teil der Band zu sein und auf der Bühne zu improvisieren.

Eines der ersten Songs war »Don’t give up«. Wie die Sängerin offenbarte, ging es in dem Lied darum, für seine Beziehungen zu kämpfen.

Von Anfang an forderte die Band uns auf, mitzusingen. Z. B. mit Ausrufen wie »Don’t give up«, »Yeah« oder »Take me higher«.

Die Sängerin öffnete das Weltentor und entführte uns zu einem kleinen Planeten, auf dem Konflikte und Probleme keine Rolle spielten, einem Ort, auf dem es keine Sorgen gibt, einem Ort voll funkiger Harmonie.

Manch einer mag jetzt denken, dass ich übertreibe. Nun, ich werde das Gegenteil beweisen.

In der zweiten Hälfte des Konzerts nahm das Tempo der Songs zu – wie in einem Kinofilm, in dem sich die Spannung zuspitzt.

Zwei Gäste tanzten in der Nähe der Bühne. Unruhig rückte ich auf meinem Stuhl hin und her.

Wie gerne würde ich jetzt tanzen, aber ich traute mich nicht. Allerdings nutzte ich die Sitzfläche meines Stuhls aus, um mich zu den Rythmen zu bewegen. Wenn fünf Leute tanzten, würde ich mitmachen.

Ein Mann lief singend und mit ausgestreckten Armen quer durch den Saal. Immer mehr Zuschauer wirbelten übers Parkett, immer freier und ausgelassener.

Dann war es um mich geschehen. Ich gesellte mich zu der tanzenden Gruppe und erlebte, wie sich der Soul auf meinen Körper übertrug.

Als Emanuel erklärte, dass es für das nächste Stück Tanzverbot gäbe, setzte ich mich wieder. Das Lied hieß »Love and Respect«.

»Wir brauchen auf dieser Welt nur zwei Dinge. Liebe und Respekt. Dann kommen wir wunderbar miteinander aus. Wenn man sich nicht liebt, sollte man sich respektieren, und wenn man sich liebt, umso besser«, sagte der Bassist.

Das Tempo war erst reduziert, dann setzten die Sänger wieder ein und ermutigten uns, einzustimmen.

»Love and Respect«, schmetterte es durch die Lautsprecher. »Love and Respect« antwortete das Publikum. Die Rythmen nahmen an Fahrt auf – wie ein Zug, der das Höchsttempo erreicht – niemand war mehr zu stoppen.

Wir brüllten »Zugabe«. Die Band verschwand kurz hinter dem Vorhang und kehrte mit einem fulminanten Finale zurück.

Der Sänger (links im Bild) sprang von der Bühne und groovte so rasant, dass der Saal von purer Energie erfüllt war.

Ich trank meinen letzten Schluck Gänsewein und lächelte. Eine »Little Planet Band«, die versteht, was unser großer Planet so dringend benötigt: Liebe und Respekt – und eine ordentliche Portion Soul.

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