Texte aus der Schreibwerkstatt

Wenn Teilnehmer:innen meiner Workshops zu blockiert sind, um sich ihrer eigenen Stärken bewusst zu sein, erinnert mich das an meine eigene Vergangenheit und so manchen Augenblick, in dem mich heute von Zeit zu Zeit Selbstzweifel heimsuchen.

Selbstzweifel, mit denen bei der Schreibwerkstatt am Mitmachfest am 09.05. in Olpe auch Mario konfrontiert war.
Nachdem ich ihn auf die angenehme Freundlichkeit ansprach, die er ausstrahlte, gab er mir recht, dass dies eine Stärke sei. Er ergänzte, dass er sich gut in andere einfühlen könne.

Alle Teilnehmer:innen entdeckten wertvolle Stärken und Fähigkeiten, die sich oftmals wegen einer Behinderung entwickeln. Stärken, die es unbedingt verdient haben, gesehen und gewürdigt zu werden.

Stärken

Kreativität
Freundlichkeit
Begeisterungsfähigkeit
Verständnisvoll sein
Harmonie herstellen
Resilienz (Widerstandsfähigkeit)
Krisen bewältigen
Erfahrungen weitergeben
Probleme lösen
anderen helfen

(Nadine)

Wahre Werte – was ist wichtig im Leben?

Das wissen Menschen mit Einschränkungen oft besser.

 

Unvoreingenommenheit
Empathie
Dankbarkeit / Wertschätzung
Neugier, Hinterfragen
Verbundenheit
Liebe

 

Enkelin traurig, weint, weil Oma im Alter immer mehr abbaut, erzählt mir, dass sie früher mit ihr viel gespielt und Geschichten erzählt hat.
Ich habe sie gefragt: »Darf ich dich mal in den Arm nehmen?«
Sie meinte »Ja.«
Danach hat sie gesagt: »Danke, das hat mir gutgetan.«
Ich hab sie gestärkt.

Menschen mit Behinderung sind wir alle, jeder hat eine Behinderung.

Z. B. Brille oder Hörgerät, Herzschrittmacher, oder man wird einfach nur von anderen blöde angeschaut, auch weil man nicht so ist wie der andere. Der eine ist lustig, der andere denkt: Warum machst du den Pausenclown!

Zicke zicke zacke
Jeder hat ne Macke
große oder kleine
jeder hat die seine.

Empathie, zuhören können, Mitgefühl (Respekt, Toleranz, sich selbst), andere respektieren, hilfsbereit, lösungsorientiert sein, ohne über die Menschen zu vergessen, Höflichkeit, Achtsamkeit, Lernfähigkeit, offen sein für Neues, still sein, vergeben können, die eigene Sicht weise in Frage stellen können und dadurch andere besser verstehen können.

Freundlichkeit
Einfühlen

(Mario)

Empathie
Ehrlichkeit
Reflexionsfähigkeit
Dankbarkeit

Erleben in dem Hier und Jetzt
sie können sich bei gleichen oder ähnlich veranlagten in andere hineinversetzen
sind sensibler
leben bewusster
kennen Krisen

(Jens)

Nicht den Mut verlieren,
immer lächeln
weiterkämpfen
Für sich sorgen können

(Angela)

Elfchen

Mario erzählte, dass er früher gemobbt worden sei und trotzdem die Stärke bewahrt habe, freundlich zu sein. Er wisse, was es bewirkt, ausgegrenzt zu werden und könne sich deswegen besser in andere hineinversetzen.

Sein Elfchen über Freundlichkeit als seine Stärke hatte uns berührt – ebenso wie die bewusst gewordenen Stärken und Gedichte, die die anderen Teilnehmer:innen vorlasen.
Alle, die ihre Texte präsentierten, ernteten Applaus.
In dieser Schreibwerkstatt gab es nur eine einzige Regel: Unser Ort war ein Raum, an dem es keine Fehler gab. Es ging darum, dass die Schreibenden Freude daran hatten, ihre Fantasie zu entfalten – in einem Miteinander gegenseitiger Wertschätzung.

Schreiben
Hörst du
Es entstehen Worte
ein Gedicht für dich
gerührt

Lachen
Lachen ist
Lachen ist ansteckend
Lachen macht mich glücklich
Freundlichkeit

Karin
Tollpatschige Chaotin
aber Kreativität entsteht
wenn Dinge unperfekt sind
Lebenskünstlerin

Mobbing
Wurde geschubst
Kann mich einfühlen
Trotzdem bin ich freundlich
Stark

(Mario)

Leben
Endlich leben
Ich habe eins
Ich habe neues Leben
Angekommen

Ich
Ich bin
Ich bin heute
Ich bin heute wertvoll
Danke

Briefe an die Politiker

Die Schreibwerkstatt beim Olper Mitmachfest zum Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen war eine Reise: Im ersten Teil des Workshops, in dem die sieben Teilnehmer:innen positive Eigenschaften aufs Papier fließen ließen und miteinander teilten, lenkten sie den Blick von den Makeln zu den Stärken. Mit diesen Stärken im Gepäck fanden sie im zweiten Teil der Schreibwerkstatt ihre Stimme – in Briefen an die Politiker der Stadt Olpe (sogar ein Brief an den Bundeskanzler füllte die Seiten) von vielfältigen Erlebniswelten.

Die Schreibenden erzählten, wie sie sich fühlten und welche Änderungen sie sich wünschten.
In den zwei Stunden des gemeinsamen Schreibens, Vorlesens und Wertschätzens erlebte ich sieben mutige, empathische und kreative Menschen, mit einem feinen Gespür füreinander, die von verschiedensten Behinderungen und Erfahrungen betroffen waren.

Dass ihre Wünsche in die Tat umgesetzt wurden, konnte ich zwar nicht versprechen, denn ein Text verändert oftmals nicht die Welt. Dafür konnte ich jedoch garantieren, dass sich etwas Wichtiges ganz sicher ändert – denn ein Text ändert immer den, der schreibt.

Für jeden Menschen – auch für Politiker – ist es nicht leicht, sich in andere Lebenswelten als die eigenen hineinversetzen.

Ein Brief, in dem Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche von Menschen sichtbar werden, die mit Behinderungen leben, kann helfen, einander besser zu verstehen und das neu erworbene Wissen in Entscheidungen für die Menschenwürde einzusetzen.

In einer Werbung hieß es einmal, dass Bücher Erfahrungen seien, die man kaufen könne. Mögen diese Briefe Erfahrungen sein, die eine Eintrittskarte in die Erfahrungsschätze besonderer Menschen schenken.

Liebe Politker, Sie haben Post 🙂

Sehr geehrte Menschen in Entscheidungspositionen,

ich wünsche mir, dass Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen mehr bei der Planung von Teilhabeprojekten einbezogen werden.
Insbesondere Schulen & Hausärztinnen sollen Aufklärung & ambulante Psychologe:innen über Angebote für Menschen mit Behinderungen erhalten. Ich als eher Außenstehende denke, dass es gute Angebote gibt, darüber aber niederschwellig aufgeklärt werden sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Karin

Hallo Herr Kanzler Merz,

ich wünsche mir, da ich im Seniorenheim arbeite, mal einen Tag mit ihnen hier zu arbeiten, damit sie sehen und sich vorstellen können, wo ihre Finanzen oder Nicht-Finanzen hingehen. Wir arbeiten in einem Haus mit 100 Bewohnern auf 4 Stationen. Die Pflege der Bewohner wird immer mehr, aber das Personal immer weniger.
Das Essen »Fleisch« kommt manchmal so trocken und hart zu den Bewohnern, dass fast alles wieder zurück in die Küche geht.
Extrawünsche müssen auch extra bezahlt werden, wenn sie genehmigt werden sollten (Anfrage der Heimleitung).
Ich bin gespannt auf Ihre Nachricht.

Gruß

Ich

Liebe Politiker!

Ich wünsche mir eine faire Bezahlung z. B. in Behindertenwerkstätten. Auch für Menschen mit einer Behinderung sollte das Arbeiten attraktiver werden. Wenn auch sie besser bezahlt würden, wäre das mehr Motivation für diese Menschen.
Außerdem bin ich der Meinung, das solche Menschen, zu denen ich auch gehöre, besser gefördert werden sollten.
Für Menschen mit einer psychischen Erkrankung sollte die Suche nach einem Therapieplatz leichter werden: Mehr Therapieplätze, mehr Therapeuten, nicht so lange Wartezeiten. Die Hürden dahin gehend sollten abgebaut werden.
Es fällt Menschen mit einer psychischen Erkrankung eh schon schwer, sich Hilfe zu holen. Da schafft man es oft kaum, sich durch eine Liste von Therapeuten durchzutelefonieren, um nach einem Therapieplatz zu fragen.
Daher wünsche ich mir einen leichteren Zugang zur Suche nach einem Therapieplatz.
Für Menschen mit einer körperlichen Behinderung wünsche ich mir mehr Barrierefreiheit in allen Bereichen.
Vor allem aber auch gerade mehr Mobilität. Auch sie sollten überall hinkommen können. Vor allem wünsche ich mir aber eine bessere gesellschaftliche Teilhabe. Auch wir Menschen mit einer Behinderung sollten mehr Gehör in der Gesellschaft finden dürfen.
Wir möchten mit Anliegen und Problemen ernst genommen werden. Wir wollen auch eine Stimme in der Politik. Wir wünschen uns mehr Mitbestimmung. Denn gerade wir wissen, wo die wirklichen Probleme bei uns sind. Wir wissen genau, wo wir Unterstützung und Hilfe brauchen.

Nadine

Liebe Politiker,

ich habe den Eindruck, dass jedes Ministerium, jeder Arbeitskreis seine eigenen Interessen durchsetzen möchte.
Habt ihr den Behinderten, den wirklichen Sozialhilfeempfängern, den Überforderten in seiner Situation im Blick?
Habt ihr mal den Blickwinkel von diesen Personen aus gesehen?
Der Behinderte vor einem Aufzug, der nicht funktioniert – wie kommt er mit dem Rollstuhl weiter?

Weitere Punkte mit Änderungsbedarf:

Berufswelt erweitern, Behinderte mit Lern- und Schreibschwäche und mit Sozialität achtsamer umgehen, Hilfe zur Selbsthilfe, die Schere von Arm zu Reich verkleinern.

Lieber Herr Bürgermeister,

ich wünsche mir mehr Beschäftigung mit fairer Bezahlung, mehr Inklusion für Menschen mit Behinderung, Barrierefreiheit, bessere Rampen für Rollstuhlfahrer zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Mario

Liebe Politiker,

ich wünsche mir von Ihnen mehr Mitgefühl für Menschen, die nicht so funktionieren, wie es für die sogenannte Mehrheitsgesellschaft angemessen erscheint. Mir ist bewusst, dass wir in Zeiten von knappen Kassen immer weniger Geld für die Teilhabe von behinderten Menschen zur Verfügung gestellt bekommen, weil viele Hilfen unwichtig erscheinen im Vergleich zu den großen Krisen / Themen unserer Zeit.
Ich finde diese Entwicklung traurig und halte die Einsparungen für unglaublich kurzsichtig. Unser wundervolles Land strahlt hell durch seine Menschen, Menschen mit Einschränkungen, Menschen mit Belastungen, Familien wie Singles, lauten wie leisen Menschen, eben durch seine Vielfalt.
Vielfalt ist unser größter Schatz und macht den Unterschied zu der Tristesse vieler Länder auf dieser Erde, die eben keine Demokratie, Gleichberechtigung und Vielfalt kennen.
Vor 81 Jahren war unser schönes Land nicht nur durch die vielen Kohleheizungen in ein eintöniges Grau gehüllt, aber wir als Menschen haben es geschafft, ein oft buntes Land zu erschaffen. Farben können allerdings verblassen, wenn man sie nicht ständig pflegt. Sorgen Sie bitte dafür, dass wir das Deutschland des 21. Jahrhunderts bleiben und nicht ein Land, in dem die grauen Herren der Zeit uns den Geist vernebeln.
Vielen Dank!