Textschnipsel

Liebe LeserInnen,

die letzte Zeit ist es etwas still in meinem Blog geworden. Das liegt z. B. daran, dass ich an meinem Roman arbeite, für den ich viel Energie und Aufmerksamkeit benötige.

Er spielt in einer Stadt der Zukunft, in die Kranke eingeschlossen werden, weil sie die gesellschaftliche Ordnung stören würden.

Der Text ist nur oberflächlich bearbeitet und ich poste einen kleinen Auszug aus der Romanszene dieser Schreibnacht:

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Die Klänge der Geige drangen in mein Bewusstsein.

Ein Jugendlicher mit blondem Flaum über den Lippen stand neben dem Brunnen und führte den Geigenbogen flink über die Saiten.

Seine Augen versteckten sich hinter einer dick umrandeten Brille, aber als ich sein Gesicht musterte, hielt ich inne. Wie alt mochte er sein? Zwölf? Vierzehn? Sein eitel gekämmter Scheitel machte ihn älter, das Kindliche an ihm war jedoch unübersehbar. Es steckte nicht nur in seinen jungen Gesichtszügen, sonder auch in der Art, wie er spielte.

Sämtliche Töne harmonierten, und obwohl ich das klassisch klingende Stück nicht kannte, war ich mir sicher, dass er keinen Fehler machte. Ich fühlte, dass die Musik stimmig war. Was ganz anderes, als die drögen Stücke, die ich zu Hause gehört hatte.

Das Kindhafte drückte sich in seiner Impulsivität und Verspieltheit aus, die den Tönen etwas Lebendiges und Fröhliches verliehen.

Ich lehnte mich an die Mauer des Rathauses und lauschte der Musik, die sich heilend in meine Gedankenwelt grub. Nun sah ich wieder die Unverfrorenen, die Tanzenden und die Lustigen, die den Markt nutzten, um ausgelassen feiern zu können.

Behäbig schlenderte ich zu dem Jungen, presste den Chip in meiner Hand gegen den Kontakt auf dem Display des Geigenkastens und überwies ihm zehn Lodores. Das war genug, um den Kühlschrank vollzumachen. Schon möglich, dass es etwas viel war. Seine Darbietung berauschte mich aber, und ich tat es aus tiefster Überzeugung. Was bedeutete schon Geld, wenn das Glück sich unsichtbar in der Luft ausbreitete, in meine Ohren strömte und sich heilend auf das stressige Geplätscher meines Hirns legte?

Bei meinem Roman liegen knapp siebzig Seiten Rohfassung hinter mir, bis zum Berggipfel ist es noch weit. Ich bin sehr glücklich darüber, wie sehr mich das Schreiben ausfüllt, wie sehr ich es genieße, in eine andere Welt zu schlüpfen.

Hemingway sagte mal, dass die Rohfassung immer scheiße sei. Das werde ich vielleicht bei der Überarbeitung auch anmerken, aber bis dahin genieße ich jede schwitzige Tintenbahn, die ich zurücklege.

Schreibt, träumt und lest schön!

Euer Sebastian

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